Undines Antwort

Veröffentlicht auf von anna

 

Bernd eilte in sein Büro. An diesem Tag würde er eine Stunde vor den anderen am Platz sein.

Er zog seine Chipkarte durch die "Stechuhr" und überblätterte die mitgebrachte Sexzeitschrift, bis er bei einer Seite stockte. Es war die mit den "ganz privaten Leserfotos". Immer wieder kehrte sein Blick zu einem Bild mit dem Vermerk "Zuschriften erwünscht" zurück.

Bernd schlug die Zeitschrift zu, packte sie in die oberste Schreibtischschublade hinter das Büroklammerkästchen und bedeckte den Schreibtisch mit Ordnern und Arbeit, die an diesem Vormittag zu erledigen war. Er schaltete den Computer an und begann zu schreiben. Doch er vermochte sich nicht zu konzentrieren. Schließlich holte er die Seite wieder hervor, nahm seine Schere, schnitt, nachdem er sich überzeugt hatte, daß auf der Rückseite nichts Erhaltenswertes war, den Halb-akt aus und klemmte ihn über das Foto seiner Frau und seiner beiden Kinder, die ihm wie immer vom linken Schreibtischrand her zuwinkten.

Martina hatte er durch eine Anzeige kennengelernt. Damals vor 15 Jahren suchte er noch die ganz große Liebe. Irgendwann später gab Martina zu, daß sie ihn besonders seiner Briefe wegen für einen ganz tollen Kerl gehalten hatte. Wer so schrieb, bei dem mußte sich viel Schönheit unter der Schale finden lassen. Jetzt war Ben 13, Anne 11, und Martina hatte aufgehört zu suchen.

Bernd schrieb dem Fotogirl.

Liebe Sabine, leider ist deine Fotografie - du weißt schon welche - von einem dermaßen überwältigenden Reiz, daß es für meinen Brief wohl schwer wird, unter der Masse aufzufallen. Andererseits fehlt es mir an Selbstbewußtsein, zu glauben, umgekehrt könnte ich dich mit einem Bild von mir genauso beeindrucken ...„

Kaum abgeschickt, war der Brief ihm schon peinlich. Aber anstatt zum Alltag zurückzukehren, schickte er einen zweiten hinterher, denn er hatte sich in den Kopf gesetzt, eben doch Chancen zu haben:

"Liebe Sabine!

... Ich habe lange überlegt, warum Du mir so merkwürdig bekannt vorkamst; jetzt ist es mir eingefallen: Dein richtiger Name ist nicht Sabine, sondern Undine. Unter dem habe ich schon viele Geschichten von Dir gehört. Die Haare verraten es, die langen glänzenden, die Kette, die Augen, in denen ich als Betrachter versinke ... Du lockst Männer in eine Unterwasserwelt, wo sie an Deinem Kuss ersticken. Deinen Unterleib hältst du verborgen; man erkennt nicht, ob es ein Fischschwanz ist. Und wenn! Ich habe keine Angst: Zieh mich in die Tiefe! Ich werde meine letzten Lebensmomente unbeschwert auskosten. Doch lieber verwandelte ich dich in ein Menschenmädchen. Das kann ich. In dem Augenblick, in dem Du Dich rein und nackt vor mich stellst, wirst du merken: Nichts an dir ist Fisch, nichts kalt; heiß wird dir, und wenn sich durch deine Berührung ein Stück von mir in einen Riesenaal verwandelt, so überlasse ich es deinen Händen, ihn in deinem Strudel zu versenken, bis wir nicht mehr wissen, wer wir waren, sind, sein werden, nur noch zittern in der Erregung des Urquells ... Darf ich davon träumen, dir irgendwann danach Dein goldnes Haar zu kämmen, zu streicheln? ...

Bitte sei mir nicht böse: Ich habe bestimmt viel Unsinn geschrieben. Zerknülle meine Briefe trotzdem nicht! Lass mich dich wenigstens von weitem anhimmeln, hoffen, daß es dich freut, mich mit Deinem Bild so tief berührt zu haben ...

Wenn Du mich als BLÖDMANN abweist, werde ich sehr schwer verletzt sein. Wie sehr, werde ich erst wissen, wenn Du es getan hast. Ich hoffe, dann kann ich Dich in Ruhe lassen. Aber ich träume, ich wäre anderes für Dich als ein Blödmann.

Klar bin ich ein Spinner. Aber würdest Du wirklich keinen wollen? Ganz sicher nicht? Nein? ... Schreib trotzdem! Ich hoffe auf dich.

Bernd

PS: Habe ich schon geschrieben, daß ich Dich toll finde?„

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post