FN 3514 (19)

Veröffentlicht auf von anna

 

Aber ich sah die ganze Zeit die Bilder aus dem Iran vor mir. Der Sprecher hatte sie als Neubelebung einer biblischen Plage kommentiert. Nur dass die Bibel eben noch keine Bienen kannte. Es hieß, dass eine große Zahl von Bienenvölkern aus dem Nichts aufzutauchen schienen, um plötzlich über menschliche Ansiedlungen herzufallen. Sie zögen, nachdem sie alles Leben, dessen sie habhaft geworden wären, in Knochenreste verwandelt hätten, in festen Formationen weiter, aber aus unerklärlichen Gründen wechselten sie mehrmals die Richtung und verschwanden dann wieder. Es sei ein Witz des Zufalls oder boshafte arabische Unterstellung, dass dabei besonders strategisch bedeutsame Anlagen des Landes betroffen seien. Wenn solche Bienen die Arbeit machten, dann brauche man keine Kriege zu führen.

Ich fand das überhaupt nicht witzig. Vor meinen Augen bewegten sich Blondinen lüsternen Männern entgegen oder umgekehrt und ich sah sie alle nicht wirklich, stimmte nur zu, wie toll ich sie fände, wenn mich Jeff dazu aufforderte.

Plötzlich ergab alles einen Sinn und ich fühlte, dass ich in großer Gefahr steckte. Von wegen Forschungen für die Menschheit. Das Militär hatte also hinter allem gesteckt. Daher war Geld auch so überhaupt kein Problem gewesen. Und es gab offenbar parallel ähnliche Forschungen, die wahrscheinlich wesentlich weiter waren als meine. Wenn jemand gefragt hätte, hätte man aber auf mich verweisen können, sozusagen als Alibi.

Deshalb also hatte man mir, wenn ich in Schwierigkeiten gesteckt hatte, Schubse nach vorn geben können, damit ich glaubhaft das wissenschaftliche Niveau des Instituts verkörpern konnte. Ein ehrgeiziger junger Wissenschaftler, aber unschuldig ... Notfalls waren eben ein paar meiner Bienen bei den Umzügen, wahrscheinlich bei dem ersten, sehr provisorischen, entwichen und hatten sich in Freiheit, fehlender natürlicher Feinde wegen, sprunghaft vermehrt. Vielleicht per Schiff unbemerkt in den Nahen Osten gereist und dort hatten sie besonders günstige Bedingungen vorgefunden. Nicht sehr wahrscheinlich, aber für die Öffentlichkeit ausreichend.

Dann stutzte ich. Meine Theorie hatte einen Haken. Die drei Toten bzw. Verschwundenen. Die passten nur unter einer Bedingung ins Bild: Sie hätten unabhängig voneinander die Zusammenhänge durchschaut und versucht haben müssen, etwas gegen sie zu unternehmen. Aber niemand von uns wusste etwas davon.

Ich lag schon eine Stunde reglos neben Lissy. Sie hatte auf dem Heimweg und vor dem Einschlafen wie ein Wasserfall auf mich eingesprudelt. Wahrscheinlich war ihr überhaupt nicht aufgefallen, dass ich noch schweigsamer gewesen war als sonst. Nun war sie endlich eingeschlafen und kuschelte sich an mich wie ein kleines Kind.

Alle drei Opfer – ich entschied mich für diese Bezeichnung – hatten wohl wirklich nur ihre Arbeit am Zentralcomputer unseres Forschungsbereichs gemeinsam. Dort mussten sie auf etwas Verdächtiges gestoßen sein. Soweit war ich vorher auch schon. Deshalb hatte ich ja mein Traineeprogramm gestartet. Jetzt aber kamen mir vage Ahnungen, was sie gefunden haben konnten, und mir war klar, wer der Gegner war, mit dem ich mich anzulegen begann, und dass ich weder auf Schonung noch auf Verbündete hoffen konnte. Vielleicht hatten sie mich längst anvisiert. Der Trick mit Gregs Chip mochte einen Professor Yong-Brown als Chef umgehen, aber unseren verschiedenen Geheimdiensten gegenüber machte er nur auf mich aufmerksam. Und ich tippte einfach auf die CIA. Ein Coup solcher Größe fiel in deren Ressort.

 

 

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post