Die Fleisch fressenden Bienen (33)

Veröffentlicht auf von anna

 

Die erste Stunde unseres Aufenthalts in der Partyhütte passierte nichts außer Smalltalk. Es kann ja sein, dass nur mir das so vorkam, aber alle machten demonstrativ auf heiter und locker, taten so, als wären langjährige beste Freunde zu einem Wiedersehenstreffen zusammen. Wir schienen nichts Besseres zu tun zu haben, als uns gegenseitig zu umarmen, abgedroschene Witze zu erzählen, Sekt zu trinken und weißt du noch zu sagen. Vielleicht lag dieser Eindruck aber auch daran, dass sich die sechs Neuen wirklich schon länger kannten und ich mir noch wie ein Fremder unter ihnen vorkam.

Das Mittagessen war dann mein Beitrag zur Witzigkeit. Ich hatte einen Riesenbehälter Soljanka bestellt, der von Anfang an vor sich hin geköchelt hatte. Ich war mir sicher, dass es kaum einen Amerikaner gab, der Ahnung von russischer Küche hatte oder ihr gar positiv gegenüberstand. Das traf ja auf mich genauso zu. Aber der Partyservice des Instituts hatte mir versichert, die Soljanka wäre bisher der Picknick-Renner – bei den ansonsten bunt gemischten Teams sei es das Exotischste, was sie anzubieten hätten.

Ewig ließ sich aber der entscheidende Moment nicht hinauszögern. Ich hatte eine Respekt erheischende Glocke an meinem Platz versteckt. Sie tat ihre Wirkung. Alle sahen mich aufmerksam an. Ich wusste ja, dass bei keinem der Alkoholspiegel wirklich hoch sein konnte.

„Also zum Organisatorischen. Ihr habt euch hoffentlich ordentlich von euren Familien bis morgen Abend verabschiedet. Wir haben also Zeit für unser Programm. Für keinen Programmpunkt ist eine feste Zeit vorgegeben. Der wichtigste Grund dafür ist das aktuelle. Brainstorming. Ich gehe davon aus, dass jeder, der in dieses Himmelfahrtskommando beordert wurde, weiß, worum es geht...“

Warum ich wirklich Himmelfahrtskommando sagte, weiß ich nicht. Aber ich merkte sofort, dass nur Paul irritiert dreinblickte. Bei den Anderen hatte ich offenbar den richtigen Ton getroffen.

„Ich schlage vor, in der ersten Runde stellen sich alle kurz vor und erzählen, was sie grob von unserem Bienenproblem wissen.“

Das war vielleicht falsch. Nicht das Vorstellen. Das lief wie bei einem der Institutscastings. Innerhalb einer halben Stunde hätte ich den Eindruck gewinnen können, meine Leute bewarben sich um eine Expedition in die Fauna des Omikron-Planeten im System Alpha Centauri und nicht um ein Insektenforscherteam in der Provinz von Arizona. Hätte ich keinen Grund gehabt, planmäßig hochgetunte Kunstlebensläufe zu wittern, ich wäre über die Aufwertung meiner Teamchef-Rolle größenwahnsinnig geworden. Anders sah es aus, sobald es um die Bienen ging.Ich war mir sicher, dass jeder einzelne genaue Instruktionen bekommen hatte. Aber wie auf Verabredung (oder vielleicht nicht nur wie sondern wirklich auf Verabredung) spielte jeder den Abwartenden. Sollte doch der nächste als erster gucken lassen, was er wusste. Wir steckten in einer Zwickmühle. Ich spürte wie die Rolle des ersten Klartextredner auf mich zu rückte.Und ich hasste den Moment. Denn eines war mir klar: In dieser Gesellschaft konnte ich mir vieles leisten, aber nicht das Eingeständnis, Schiss zu haben und nicht einmal genau zu wissen, vor wem oder was am meisten.

 

 

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