FN 3514 (35)
Als Kantus die Hand hob wie beim Misstrauensvotum im Abgeordnetenhaus, obwohl Mitch fertig und er sowieso dran war, ahnte ich schon, dass das Herumeiern um den heißen Brei vorbei war. Ich nickte ihm einfach zu und im Gegensatz zu den beiden vorigen Diskutanten stand er auf. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er dabei einen unsichtbaren Mantel abwarf, einen von der Art, wie ihn Boxer auf dem Weg in den Ring tragen.
„Wir sollten uns die Sache nicht zu schwer machen. Die Lösung unseres Problems ist wahrscheinlich einfacher, als man denkt. Es soll ja mitunter vorkommen, dass man einen Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Was Betriebsblindheit ist, brauche ich wohl nicht zu erklären. Aber für das, was ich erklären möchte, muss ich etwas ausholen ...“
Er sah mich an, bekam das gewünschte Zunicken und mein „Wir haben Zeit.“, sah sich im Kreis um, um dann bedächtig seine Ausführungen zu beginnen. Ich möchte viel so wiedergeben, wie er es wirklich gesagt hat. Vielleicht wird dabei deutlich, warum ich den Eindruck hatte, er hätte seinen Text auswendig gelernt. Das Band lief und war nicht zu stoppen, aber beim Sprechen hielt Kantus die Schwebe. Er verlor nie den Faden, wirkte jedoch immer so, als rufe er einen Text aus dem Hinterkopf ab, der nicht zu seinem Naturell passte. Man hätte ihm den impulsiven Totschläger abgenommen, doch diesmal kam jedes Wort und jede Bewegung bedächtig. Ich musste lügen, wann mir die Idee zum ersten Mal kam, aber während seiner Rede stellte ich mir vor, die Monsterbienen hätten ihm seinen Text unter Hypnose ins Gehirn eingegeben. Das war der Grund, weshalb ich nicht euphorisch wurde. Natürlich noch das Andere. Aber dazu später.
„Ich brauche euch als Wissenschaftler ja nichts vorzumachen. Von wegen Gott hat das Leben einmalig erschaffen. Wir wissen, es hat sich entwickelt. Der uns vertraute Weg ist dabei der von der Ursuppe über Ein- und Mehrzeller zu komplexen Lebewesen mit Organen. Zellen mit gleicher Funktion sind eine im Prinzip untrennbare Einheit eingegangen, eben jenen Organen, und haben mit Zellen einer andern Funktion eine ebenfalls feste symbiotische Gemeinschaft gebildet: Den ganzen Körper, das große Lebewesen. Die Saurier haben es dabei auf Arten von gigantischen Körpermaßen gebracht. Sagen wir, wenn wir uns Menschen als einen der Endpunkte dieser Entwicklung betrachten, dann sind wir zwar gegenüber diesen Giganten klein, aber als Einzelwesen trotzdem von beachtlicher Größe. Für jede von der Natur als notwendig erachtete Funktion haben wir unser einzelnes Organ, in einigen Fällen noch ein zweites als Ersatz. Dieses Prinzip hat den Vorteil, dass wir hier zusammen sitzen und uns gegenseitig als Krönung der Schöpfung feiern können. Sie hat aber auch einen wesentlichen Nachteil. Nehmen wir an, ich zückte jetzt eine Pistole und feuerte sie auf die Brust unseres Chefs ab. Okay, eine solche Idee gehört zu den eher zweifelhaften Vorzügen unserer Evolution. Aber stellt euch vor: Die Zerstörung eines Bruchteils eines Promilles unseres Körpers ist ausreichend, um das weitere Funktionieren des gesamten Restkörpers zu beenden. Ein winziges Loch in der Brust und Milliarden anderen Zellen vom Gehirn abwärts werden alle wertlos. Welch Luxus der Natur!“
Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Kantus mit Loch in der Brust war sicher ein besonderer Luxus der Natur.