Gerhardts Zeit (8)
Wie lange noch bliebe ihm Maria, sein zirpendes Goldkehlchen, erhalten? Mehrmals hatte Gerhard Gluck darüber nachgedacht, seiner Tochter eine zeitlose Lektion zu erteilen. Die Angst vor den Nebenwirkungen schreckte ihn ab. Einem eifrigen Hausaufgabenhelfer hatte er befohlen, Maria nicht wieder zu besuchen. An einer Leitplanke hatte der zum letzten Mal gelacht.
Dann begann Maria eine Lehre als Erzieherin. An einem Freitag - und Freitag war immer ihr gemeinsamer Vater-Tochter-Tag gewesen - kam sie am Nachmittag nicht nach Hause und am Abend nicht und in der Nacht auch nicht.
Sie wird sich verliebt haben. Das ist doch natürlich. Bald wird sie mich allein in dieser Wohnung zurücklassen. Das ist der Lauf der Zeit.
Gerhards Blick war auf das Schließfach im Sekretär gerichtet. Wenn ich die „Sprayflasche„ bei Maria verwende, mache ich sie unglücklich. Aber ihren Freund kann ich vernichten, und den nächsten notfalls auch ...
„Papa, es scheint, daß ich jedem Menschen Unglück bringe, für den ich mich ernsthaft entschieden habe. Als ob mein Kuß ihn mit einem unbekannten Gift langsam lachend in den Tod treibt. Bloß gut, daß ich dich noch habe ...„
Maria war an ihrem 29. Geburtstag eine alte Frau. Mißmutig verfolgte Gerhard, wie sie im Sonnabendkittel über den Flur lief. Es gab nichts mehr zu lachen rund ums Haus Gluck.
„Vor 14 Jahren hast du mich geil gemacht. Hätte ich es damals nur getan!„
Das sagte er natürlich nicht laut. Aber er schlurfte zum Schrank, prüfte die kurze Zeit, die ihm vom Leben blieb, und drehte die Digitalanzeige der Zeitmaschine zurück ...
Er fand sich in einem nach Alkohol stinkenden, verdreckten Wohnzimmer wieder, vor ihm zeigte eine Fernsehuhr den Countdown zum Jahreswechsel.
Sechs Sekunden. Dann setzte ein wunderbares Feuerwerk ein. Ein neues, hoffentlich glücklicheres Jahr begann. Maria in ihrem roten T-Shirt stieß mit ihrem Vater an. Seine Augen hatten einen feuchten Schleier. Er hustete. Ein paar Sekttropfen waren in die Luftröhre gedrungen. „... Entschuldige, aber ich brauche jetzt meine Ruhe. Laß mich schlafen. Sag nichts! Ich ...„
Gerhard Gluck starrte verstummend auf die Tischplatte, während Maria vorsichtig ihren roten Pullover unter den Kopf des Vaters schob ...