Operation Zeitensprung, 11. Kapitel "Der Thingmann in der Familie" (2. Fortsetzung)

Veröffentlicht auf von anna

Eine besonders interessante Aufgabe haben die Einsatzberater. Das ist ein spannender und komplexer Beruf. Für jeden Arbeitswunsch müssen sie prüfen, was davon sich machen lässt. Da kommen alle Jugendlichen hin, und wer später noch gern weiter arbeiten möchte, dem empfehlen wir nach fünf Jahren, seine Einsatzstelle zu wechseln. Damit er nicht geistig einrostet. Schließlich ist es eine wichtige Lebensentscheidung, ob sich die jungen Lebensgemeinschaften erst einmal ganz der Harmonie und Erziehung ihrer Kinder widmen wollen oder ob sie etwas anders Nützliches tun möchten, weil sie sich dazu nicht geeignet fühlen.“

Hier gibt es also auch Babyjahre?“

Also ich fürchte, ein Achzehnjähriger würde sich ungern Baby nennen lassen.“

Paps merkte an unseren verständnislosen Gesichtern, dass wir ihn nicht begriffen.

Na ja, Es kann doch nicht angehen, dass die Eltern nicht da sind, wenn die Heranwachsenden Hilfe brauchen. Also richten wir alles darauf ein, dass Kindererziehung so lange möglich ist, bis die Herangewachsenen selbst eine Gemeinschaft bilden wollen. Das kann dauern, ist doch aber das Wichtigste im Leben, oder?“

An mehr kann ich mich nicht erinnern. In meinen Gedanken hörte ich Nuk, wie sie mit vierzehn bei Mama und Paps bleiben wollte, und dann sah ich Martina mit Schokolade überzogen vor Paps liegen. Das musste ich alles noch einmal in Ruhe überschlafen.

An diesem Abend lag Nuk schon in ihrem Bett. Ich zog mich aus und legte mich einfach zu ihr. Sofort wurde ich wie ein Teddy umschlungen.

Brauchst nicht zu weinen; ich bin ja bei dir“, murmelte das Mädchen im Halbschlaf. Nicht lange, dann atmete sie wieder gleichmäßig. So schlief auch ich ein.

Am nächsten Vormittag hielt uns Viet einen Vortrag in Systemethik. Wahrscheinlich waren seine Ausführungen interessant. Aber meine Gedanken irrten einfach zu oft ab, um ihm geistig zu folgen. Manchmal wiederum spann ich Viets Faden weiter. Ich fand es faszinierend und verwirrend zugleich, wie viele uns vertraute Arbeiten und Beziehungen plötzlich verschwanden oder sich änderten, weil es hier kein Geld gab. Während Viets Steuerkommandos ein Wirtschaftsschema an der Wand verschoben, dachte ich plötzlich, unsere Zeitreisemannschaft machte gerade alles verkehrt. Viet hatte uns um Fragen gebeten, und ich versuchte, meine Zweifel in Worte zu fassen.

... Du entschuldigst, Viet. Das hört sich alles echt schön an. Aber selbst, nachdem wir das angehört haben – also ich verstehe nicht, wie das praktisch funktionieren kann. In einem bist du auch nicht ehrlich. Wenn ich betrachte, was ihr Wohnung nennt – also wenn das kein Luxus ist! Ihr jagt durchaus einem verschwenderisch guten Leben hinterher. Und dann, ohne Kampf um ein Ergebnis, das jeder schnell in den Händen hält, wofür sollte er dann streben? Du kannst uns noch viele Vorträge halten und durch Werke führen oder so. Also eigentlich, was meint ihr, sollten wir nicht lieber selbst arbeiten? Dann würden wir merken, wie das hier ist. So wie in deinem Vortrag oder ... ich weiß nicht.“

Die anderen stimmten mir zu. Ernst sagte sofort „So ist es“. Auch Viet. Er meinte allerdings noch: „... In zwei Punkten muss ich dir widersprechen: Luxus nenne ich etwas, was einer hat, ohne es zu brauchen, viele andere sich aber nicht leisten können. Platz zum Leben braucht aber jeder, zum Alleinsein und für die Familie. Wo ist da Luxus? Notfalls bauen wir eben ein paar Etagen höher. Und dann: Das ganze Zusammenleben funktioniert bei uns eben gerade deshalb, weil jeder schnell etwas in den Händen hält. Habt ihr etwa Geld gezählt, um es zu zählen? Doch wohl eher, um etwas davon zu kaufen, euch wohler zu fühlen und sicherer, wenn ihr welches hattet, oder? Dieses Gefühl der Zufriedenheit und Sicherheit ist bei uns sofort da. Ohne Schein zwischendurch. Aber das kann man wohl wirklich schlecht beschreiben.“

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