Operation Zeitensprung, 12. Kapitel "Eine neue Karriere" (2. Fortsetzung)

Veröffentlicht auf von anna

Andererseits hatte ich Glück. Maria und Ernst durften auch in mein Team. Vor allem den Fresssack hätte ich vermisst.

Oh, Gott, ich hab es am blödsten von allen erwischt: Beim Arbeiten behalte ich die Chefin, die ich schon vor über 600 Jahren hatte, und wer zu Hause das Sagen hat, ist ja wohl klar. Was soll daran kreativ oder neu sein?“

Er überredete uns, für ein Foto auf seinen Armen zu posieren, Maria links, ich rechts, und bevor wir am ersten Arbeitstag gemeinsam loszogen, verteilte er Bilder an alle alten Zeitreisenden „Zur Erinnerung an den schweren Ernst der neuen Zeit in einer seiner wenigen tragenden Rollen". Siegrid hatte das Bild gemacht und nachher auch die Stützen wegretuschiert, mit denen Ernsts Kraft künstlich vergrößert wurde.

Ernst klingelte selbst Hannes aus seiner Zweisamkeit, um ihm sein Abschiedsbild persönlich in die Hand zu drücken. Als ob wir nicht in fünf Stunden wieder zurück wären. Außerdem hätte es gereicht, die Bilder auf Hannes´ Compi zu mailen.

Die Arbeiten am ersten Tag? Ich vergaß die Einzelheiten sofort. Viel diskutiert haben wir. Fak protokollierte unsere Überlegungen in den „Monstercomp“. Abwechselnd saßen wir im Brüterraum. Dort befanden sich viele Kontrolltafeln, die ohne Menschen ihre Arbeit beständig im grünen Bereich hielten. Wir machten uns gegenseitig müde, und ich fragte mich, ob das alles nicht genauso effektiv von den Compis in den Wohnungen aus erledigt worden wäre.

Da kann man aber nicht gemeinsam mit neuen Kollegen Tee trinken“, meinte Ernst, als müsste er sich die selbe Frage laut beantworten.

Am nächsten Tag bekamen wir das Projekt 32-17 auf den Tisch. Eine Reise zu einem etwa 500 Lichtjahre entfernten Stern, bei dem ein Planetensystem vermutet wurde. Durchbruch durch das Raum-Zeit-Korrelativ. Die Wahrscheinlichkeit des Erfolges bestimmte der Hauptrechner mit zehn hoch minus fünf. Ein Hunderttausendstel! Und für die fünfköpfige Besatzung hatten sich siebzehntausend Menschen beworben. Wir sollten sie aussuchen. Inzwischen war die Zahl der Kandidaten allerdings schon auf gut hundert zusammengeschrumpft, die in feste Trainingsgruppen aufgeteilt waren. Diese Gruppen kannten keine Trennung von Dienst und Freizeit. Jeweils zehn Teams unterzogen sich einem Dauertest, wobei bei einem Ausfall sofort andere Bewerber einsprangen. Die Testprogramme, vor allem die, mit denen das Verständnis zwischen den Teammitgliedern geprüft wurde, interessierte mich wahnsinnig. Leider reichte die Zeit nicht, um mich mit Einzelheiten zu beschäftigen. Die waren nicht meine Aufgabe.

... Ein wahrhaft gewaltiger Aufwand, dem sich Menschen unterziehen, die ziemlich sicher nie mehr die Erde wieder sehen werden.“

Domeus, einer der alten Hasen der Abteilung, beruhigte mich.

So etwas Verrücktes ist die Ausnahme. Aber schließlich treiben solche Ausnahmen bei Erfolg die Entwicklung weiter. Es ist halt nicht das Lebensideal für jeden, zu futtern, zu tanzen und sich seinen Trunk aus dem Automaten zu holen.“

Ich verstand nur, dass Domeus wie die meisten anderen, denen ich begegnete, nichts von Faulheit hielt. Auch Spaß bei der Arbeit wollte geteilt sein.

Trotzdem mir hier alles neu war und eigentlich auch interessant - wenn ich es mit den zurückliegenden Monaten verglich, war ich aus einem überlangen Abenteuerurlaub zurück in alltäglichem Arbeitstrott. Zwar war die Arbeit mit weniger Stress für mich verbunden, als ich das von meinen früheren Jobs her kannte, aber ... Nein, ich konnte das Aber noch nicht benennen. Nur hatte ich schon nach drei Wochen das Gefühl, diese Arbeit drei Jahre gemacht zu haben. Wie würde das erst in ein paar Monaten aussehen?

Ich brauchte um nichts zu kämpfen. Dazu kam, dass die meisten Kollegen ausgeglichen wirkten, freundlich, nicht gehetzt. Es wehrte sich niemand dagegen, mich als Chefin vorgesetzt bekommen zu haben. Anscheinend wunderten sich die Kollegen nicht einmal darüber. Auch suchte ich vergeblich nach dieser allgegenwärtigen Scheinheiligkeit, mit der selbst bei meinem Vater Freundlichkeiten gesagt wurden, die selten so gemeint waren. Damals hätte ich nie den Kollegen den Rücken zukehren dürfen oder wissen wollen, was sie hinter meinem Rücken quatschten. Hier traute ich meinen neuen Mitarbeitern wie meinem früheren Zeitreiseteam. Trotzdem kam ich nach vier Stunden Arbeitszeit müde heim. Sah so Ruhestress aus? Ich träumte von einer Invasion aus dem All und dass wir uns verteidigen mussten, damit endlich etwas Spannendes los wäre. Dabei fiel mir ein, dass unsere Strahler jetzt Museumsstücke waren. Natürlich war das Quatsch. Noch war ich keinem Kollegen begegnet, mit dem ich nicht gern zusammen gearbeitet hätte. Vielleicht verdarb es mir etwas die Freude, für eine gewisse Zeit ständig Augenblicke bestanden zu haben, die über Leben und Tod, über die Zukunft der ganzen Menschheit entschieden. Jetzt machte ich ordentliche Arbeit wie jeder andere auch. Ich sah mich alt werden und sterben, ohne dass noch irgend etwas Erwähnenswertes passierte. Vielleicht eine kleine Liebe, Kinder, Enkel, damit der Lebenslauf länger würde? Ein Unfall, eine Katastrophe als Bewährungsprobe? Meine wirklich große Zeit war vorbei. Ich war wirklich irgendeine Anna unter vielen geworden.

Vielleicht vermisste ich einfach nur einen Menschen, dem ich meine Gefühle offenbaren konnte und für den ich einzigartig wäre. Dem ich von Gunti erzählen konnte, vor allem aber von meinem Vater und meiner Mutter, und der mich dann einfach still in die Armen genommen hätte.

Es traf mich wie ein Blitz aus verschütteter Vergangenheit, als Martina und Paps auf dem Korridor knutschten. Von Widerstand war da nichts zu sehen. Ich fühlte mich einfach überflüssig. Hatte ich nicht fast ein Vergewaltigungsverfahren einleiten sollen? Das Leben war ganz unspektakulär weiter gegangen. Knutsch.

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