Operation Zeitensprung, 14. Kapitel "Annas Ausbruch aus der Idealzeit" (2. Fortsetzung)

Veröffentlicht auf von anna

An den nächsten drei Tagen verlief äußerlich alles wie immer. So weit das mit unseren Schichten zu vereinbaren war, sahen wir uns bei den Mahlzeiten im Saal. Ganz unauffällig musterte ich die zu umwerbenden Crewmitglieder. Woran erkennt man jemanden, der ein Geheimnis hat? Ich beispielsweise zog mich ein wenig von Nuk zurück, suchte belanglose Gespräche mit den wahrscheinlich künftigen Reisegefährten, ließ es aber schnell wieder sein. Was sollte ich mit ihnen reden, wenn ich über das, worüber ich reden wollte, nicht reden durfte?

Am Dienstag erschienen Peter und Anita nicht zum Abendbrot. Siegrid hatte mir nicht verraten, wo sie die Zukünftler bis zu unserer Abreise verstecken wollte. Sie hatte nur versichert, man würde sie lebend wieder finden. Die ersten zwei hatten also „Nein!“ gesagt und warteten nun in einem Versteck darauf, von den Menschen der Gegenwart geweckt zu werden. Ich sträubte mich gegen den Ausdruck „Zukünftler“. Und irgendwie bedauerte ich nun, mich nicht von Anita und Peter verabschiedet zu haben. Ich würde ihnen nie mehr begegnen.

Aber am nächsten Mittagstisch kam Peter wieder zum Essen in den Saal. Er erschien allein, und ich musste mich sehr zusammenreißen, um mir meine Überraschung nicht anmerken zu lassen.

Schmeckt ´s nicht?“

Nuk war wieder einmal um mich besorgt wie eine Glucke.

Nein, nein, ist schon alles in Ordnung.“

Nach dem Essen setzte ich mich einfach zu Peter an den Tisch. Sabina löffelte schon ihren zweiten Nachtisch. Peter schien überhaupt nicht zu bemerken, dass er nicht allein da saß.

Hallo alter Junge! Ich hab dich gestern vermisst.“

Ach, hallo Anna. Gestern? Es war nichts. Ich habe mich nur nicht wohl gefühlt. Da hab ich das Essen ausfallen lassen und bin schlafen gegangen.“

Ich betrachtete ihn skeptisch. Peters Teller war noch mehr als halb voll, und er stocherte sichtlich appetitlos in seinem Gemüse herum.

Na, gut“, ergänzte er zögernd, „Ani ist es auch nicht so gut gegangen. Da musste ich sie verarzten, verstehst du? Und sie mich.“

Erwartete er, dass ich nicht weiter gefragt hätte, wenn das Ganze wirklich eine erotische Stunde gewesen wäre?

Und wo ist Anita jetzt?“

Sie fühlt sich immer noch nicht so richtig. Sie ist auf dem Zimmer geblieben. Ich kümmere mich um sie.“

Er sah mich nicht an dabei, jagte Reiskörner auf seinem Teller, als wäre er allein, und hoffte wohl so, dass ich wieder aufstände und weiterginge.

Warum war Peter ohne Anita bei uns? Und was war ihm tatsächlich passiert? Die Sache war mir nicht geheuer. Irgend etwas stimmte da nicht. Nuk war draußen unterwegs. So war ich mit meiner Grübelei allein. Ich hatte noch einen Rest Stolkitee auf dem Zimmer. Mama hielt das Zeug für ein Universalmittel gegen alle einfachen Magen- und Darmwehwehchen. Ich hatte einmal gewagt, „es geht mir nicht gut“ zu sagen. Es war klar, dass Nuk mich sofort damit beglückt hatte. Jetzt diente es mir als Vorwand.

Mit einer frisch aufgebrühten Kanne schlenderte ich über den Flur zu Anitas Zimmer. Natürlich war niemand dort. Viel Zeit zur Spurensuche blieb mir nicht. Auf mein leises Klopfen hin rührte sich nichts. Aber ich wusste, Peter war da. Ich hörte ihn unter der Dusche singen, ging einfach ins Zimmer hinein und öffnete unbefangen die Badtür. Sofort versuchte ich Peter mit schnellen Worten zu überrumpeln.

Hallo Krankenpfleger, ich hab eine Kanne Stolkitee gemacht. Kennst du das Zeug? Das müsste Anita auf die Beine helfen.“

Peter stand für einen Augenblick völlig überrascht vor mir.

Äh, danke!“

Wo ist sie denn?“

Sie kommt gleich wieder. Ich mach schon.“

Das klang sehr nach Rauswurf. Aber ich hatte auch erreicht, was ich wollte. Ich hatte einen frischen blauen Fleck an seinem linken Oberarm entdeckt, bevor Peter sich wegdrehen konnte. Nun war ich klüger. Ich malte mir Horrorgeschichten aus: Anita hatten sie wohl gekidnappt, Peter befragt und zum Schweigen gebracht mit der Drohung, ansonsten seine Partnerin nicht mehr wiedersehen zu können. Käme er mit, weil Anita als Geisel genommen war? Oder umgekehrt – bliebe er hier ... oder ... Sie würden bestimmt zusammen bleiben wollen, und Peter war deshalb erpressbar. Da konnte ich froh sein, dass Siegrid ihn am Leben gelassen hatte. Wenn sie auf diese Weise das ganze Team von ihrem Plan „überzeugte“? War das die Konsequenz daraus, mit dem Leben hier nicht zufrieden zu sein?

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