Operation Zeitensprung - ein utopischer Roman (15)
Dad versuchte uns zu beruhigen:
„Keine Angst. Ich hatte Generaloberst Pinkert gegenüber Zweifel geäußert, ob nicht Unregelmäßigkeiten im Arbeitsablauf automatisch erfasst würden. Im Fall, dass Spionage im Spiel ist, alarmierte das die Kontrolloffiziere. Dann wäre die ganze Hektik um den vorgezogenen Start umsonst. Der WK2-Start dürfe schließlich erst bemerkt werden, wenn der Countdown abgelaufen ist. Das Verteidigungsministerium hat sich überzeugen lassen. Sie haben das automatische Kontrollsystem durch menschliche Wachposten ersetzt und diese angewiesen, ungewöhnliche Aktivitäten auf dem Gelände bewusst zu übersehen. Ein Spezialteam bereite angeblich eine Alarmübung für den nächsten Vormittag vor. Das werden wir sein.“
Ich glaubte ihm nicht. Als Geheimagent war er wirklich nicht geeignet. Wahrscheinlich hatte er sich dieses Gespräch nur ausgedacht, um uns zu beruhigen. Aber in einem behielt er Recht. Die Wachposten ignorierten uns, als wäre das Auftauchen von Menschen in Schutzanzügen etwas Normales an diesem Standort.
Dann war es zu spät für sie. Fünf Stunden, nachdem die neuen Startdaten durchgegeben worden waren, fuhren drei Tanklaster am Tor des Geländes vor. Wir überfluteten das ganze Militärgelände mit einem ungefährlichen und unauffälligen Schlafgas. Ernst, der Vielfraß in unserer Truppe, war vom Grundstudium her Chemiker. Unter seiner Anleitung hatten wir massenweise dieses DGS-Gas hergestellt. Die Wachen wurden in eine richtige DGS-Wolke gehüllt. Alles Weitere verträumten sie. Um vor Überraschungen sicher zu sein, ließen wir die Tankfüllungen vollständig ausströmen. Für etwa drei Stunden musste die Konzentration ausreichen, um jeden zu beruhigen, der im Umkreis von einhundert Metern um das Militärgelände herum mehr als einmal ungefiltert atmen sollte. Wir dagegen hatten unsere Schutzanzüge geschlossen und die Einstiegsluke des Zeitgleiters geöffnet. Die WK2-Kampfflieger sackten betäubt zusammen, und wir trugen sie hinaus, und zwar so weit, dass sie nicht durch unseren Start zu Asche würden. Mein Vater setzte den Datenträger mit den draußen vorprogrammierten Zielkoordinaten ein. Immer noch mussten wir mit einem Alarm rechnen. Aber es blieb ruhig, als wäre das Schlafgas in alle Kommunikationsnetze eingedrungen.
Ich schnallte mich an, erwartete die Eingaben meines Vaters am Leitpult, schloss die Augen. Nicht einmal einen normalen Raketenstart kannte ich anders als aus Büchern und Filmen. Dort wurde jeder Handgriff beim Countdown auf unzähligen Displays überwacht. Jetzt sollte ich einen Notstart in ferne Zeiten mitmachen. Ich überlegte noch, ob unsere Steuersignale irgendwo zufällig aufgefangen werden könnten, da presste es mich in den Schalensitz. Im selben Moment befiel mich der übergangslose Eindruck zu träumen. Ich schwebte in Lichtspiegelungen, empfand Sturmpfeifen in einem Regenbogen. Das meinte ich nicht nur zu sehen oder zu hören, es was überall in mir und um mich herum. Dann war es für einen Moment völlig still