Operation Zeitensprung - ein utopischer Roman (67)
Mir brauchte Mama nichts mehr zu erklären. Ich verstand die Logik dieser Menschen. Keiner erwartete Nachahmungseffekte. In den Nachrichten würde es heißen, drei der Zeitreisenden wären auf eigenen Wunsch weiter gereist. Wer sollte aus dem Ganzen eine reißerische Story machen wollen – es musste nichts verkauft werden. Und was sollten denn andere potentielle Geiselnehmer erpressen, was nicht sowieso alle hatten? Mama verstand meine Zurückhaltung falsch. Sie wich meinem Blick aus und antwortete auf die Frage, die ich mir nie gewagt hätte:
„Ich geb’s ja zu. Ich hab sie gemocht. Nein. Ich mag sie immer noch. Schade.“
Zu Hause warteten dann doch zwei betont korrekt gekleidete Herren mit berufsmäßig bekümmerten Gesichtern. Der eine eilte sofort mit ausgestreckter Hand auf mich zu. „Anna?“
Er hatte ein freundliches Lächeln aufgelegt und schien um ein entspanntes Klima bemüht.
„Ja?“
„Ich bin Josh. Das ist mein Partner Patty.“
Er deutete auf den Herrn neben sich.
„Können wir uns unter sechs Augen unterhalten?“
Ich hörte in seinen Worten sofort eine unterschwellige, unausgesprochene Drohung. Es lag wohl an meinem Bild vom Beruf der Besucher. Vielleicht aber nur in der Angst vor der Frage nach meiner Rolle im Spiel. Aber die Frage kam nicht.
„Eigentlich könnte alles sehr einfach sein. Die drei Kranken aus eurer Gruppe haben sich selbst zur höchsten Strafe verurteilt, die bei uns möglich ist: dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. In Anbetracht eurer Herkunft hätten wir den nie erwogen. Wir respektieren eure Vorstellungen. Trotzdem können wir dem Wunsch nach Rückreise in die Vergangenheit nicht zustimmen. Denn er hat unglücklicherweise einen schlimmen Nebenaspekt. Wenn wir eure Kameraden in die Vergangenheit reisen ließen, gäben wir ihnen die Möglichkeit, diese Vergangenheit nochmals zu verändern. Selbst, wenn sie nicht bewusst diese Absicht verfolgten. Du musst zugeben, es wäre möglich.“
Ich nickte.
„Wir haben die Situation analysiert, die zu eurer ersten Zeitreise geführt hatte: Da stand die Menschheitsgeschichte fast sicher vor ihrem Ende. Euer Eingriff war also notwendig. Ganz davon abgesehen, dass ansonsten ja eine andere Zeitreise geplant war. Mit unabsehbaren Gefahren für die Erde. Wir verdanken euch unser Leben. Obwohl euer Auftreten in der Vergangenheit nicht unbedingt als Vorbild für die Menschen heute dienen dürfte.“
Meinen entrüsteten Gesichtsausdruck übersah er.
„Ob allerdings weitere Veränderungen am Lauf der Geschichte Verbesserungen brächten, kann niemand sagen. Vielleicht stände eine neue Katastrophe bevor. Nur sicher wären wir dann alle nicht geboren. Sind wir so schlimm, dass es uns nicht geben darf? Wir ließen sie ja gern ziehen – schon allein der Kinder wegen, aber das Risiko ist einfach zu groß.“
Ich dachte daran, dass ich beinahe mit in die Geschichte gestürmt wäre, und schüttelte heftig den Kopf. Josh redete beschwörend auf mich ein, als ob er mich von etwas Ungewöhnlichem überzeugen müsste. Dabei verstand ich ihn ja. Ich hätte ihn ruhig die ganze Zeit reden lassen, denn jedes seiner Worte zögerte den Moment, wo ich mich zu meinem Anteil an dem Ausbruch bekennen musste, ein wenig hinaus.