Mittwoch, 1. oktober 2008
Nein, nicht, dass was man landläufig darunter versteht, ein zwischenmenschliches Bäumchen-wechsle-dich, sondern die nachfolgenden Kapitel meines Fortsetzungsromans erreicht man künftig unter http://blindenhund.over-blog.com.
Danke an Slov ant Gali.
Mal sehen, ob mir hier noch etwas einfällt.
von anna
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Samstag, 13. september 2008

Die Elektroschocker! Das waren wirklich keine Mistgabeln!“

Achim sprach es aus. In den Händen von Hütermanns Männern arbeiteten wahrscheinlich handliche Lichtbogenschweißgeräte. Eine für uns sehr gefährliche technische Entwicklung hatte sich hier in den vergangenen zwei Jahrhunderten vollzogen. In den nächsten Minuten wären die Männer durch unsere Hülle gedrungen. Wenigstens sahen wir nicht, was da draußen auf uns zu kam. Bei der Projektierung des Zeitschiffs hatte man es für wichtiger gehalten, den Reisekörper hermetisch abzudichten und dafür seine Oberfläche zu glätten, als Sichtfenster einzubauen. Nun durfte ich technisches Genie rätseln, wie viel Zeit uns blieb. Vielleicht bestand gar keine tatsächliche Gefahr?

War die Hülle aber erst einmal zerstört, dann war unsere Reiserei für immer zu Ende. Mir blieb nur eines: Den Energiekern ungesteuert zu öffnen und einfach die Kontakte kurzzuschließen. Das hatte Dad nicht ausprobieren lassen. Er hatte immer die berechnete Energiemenge auf einen Zwischenspeicher übertragen und den programmierten Bedarf von dort abziehen lassen. Da im Augenblick der Bewegung in der Zeit keine Steuerung oder Korrektur irgendwelcher Vorgänge möglich war, weder manuell noch automatisch, war dies die einzige Absicherung, dass der Vorgang wieder stoppte. Diesmal mussten wir uns darauf verlassen, dass das System selbst die Totalentladung und die vollständige Umwandlung aller Massen in Energie blockierte. Dann behielten wir eine Chance zu überleben.

Helme schließen! Setzt euch!“

Ich drückte die Tasten und es blitzte.

Die Eindrücke der Zeitreise blieben diesmal verschwommen. Ich kam nicht richtig zu mir. Irgendwo war Marias Gesicht in Riesengröße. Als ob in meinem Blickfeld sonst für nichts mehr Platz war. Ich musste traumreich geschlafen haben, wusste allerdings nachher diese Träume nicht mehr. Oder waren es gar keine Träume gewesen? Ich hörte ein Klavier. Eine sanfte Serenade wie für eine Liebesnacht. Ich sah mich selbst tanzen. Langsam verschwand ich. Die Melodie blieb. Um mich herum erkannte ich mein Schiff. Meine Mannschaft. Maria hatte sich wirklich über mich gebeugt.

Na endlich. Die anderen sind schon wach. Siegrid und Heinz hängen am Herzfrequenzstabilisator. Sie haben einen starken elektrischen Schlag bekommen. Ansonsten hat mir Ernst verraten, welchen außergewöhnlichen Schmuck man in eure Schultern eingepflanzt hatte. Wir haben die Marker abgelöst, und dann seid ihr alle in einen Dornröschenschlaf gefallen. Wir brauchten euch zwar nicht zu küssen, und es hat auch keine 100 Jahre gedauert. Aber ihr wart schwer wieder wach zu bekommen. Hoffentlich torkelt bald keiner mehr. Dann testen wir, wo wir dieses Mal angekommen sind.“

Eines wunderte mich sofort: Maria war nur wenig älter geworden. Vielleicht zwei Jahre. Hätten wir nicht wieder so alt sein müssen wie im Jahr unserer Abreise, wenn wir die gleiche Zeitstrecke zurückgelegt hätten? Vollzog sich diese Alterskorrektur nach anderen Regeln oder war wieder etwas schief gegangen?

von anna
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Freitag, 12. september 2008

Da hörten wir einen dumpfen Ton aus dem Nebenzimmer, so als wäre ein Blumentopf auf den Boden gefallen. Rückte jetzt schon der Liebhaber meiner abzurasierenden Schamhaare an?

Aber kein Hütermann sondern Maria und Hannes standen in der Tür. Mit Säcken über den Schultern. Wie die Weihnachtsmänner verteilten sie Strahler an alle. Normalerweise hasste ich Waffen aller Art. In diesem Moment aber fühlte ich mich erst mit dem kalten Leichtmetall in der Hand als richtiger Mensch.

Schnell weg!“

Maria hatte sich in einen schwarzen, eng anliegenden Overall gezwängt. Sie hüpfte vor uns her, deutete kurz lächelnd auf die beiden Männer, die im Vorzimmer lagen, und flüsterte:

Wir werden bestimmt gefilmt. Also verderbt die Szene nicht. Die läuft nur einmal.“

Wir rannten durch den Park. Und richtig: Das Überwachungssystem musste extrem ausgefeilt sein. Es waren sicher kaum zwei Minuten vergangen, da bildeten etwa zwanzig Verfolger hinter uns eine Kette. Sie schossen auf uns, trafen aber nicht. Ob mit oder ohne Absicht war nicht zu erkennen. Wir hatten uns nicht abgestimmt, wie wir gegen einen solchen Gegner kämpfen sollten. Die Strahler waren aufgeladen und auf Töten eingestellt. Der Rest ergab sich fast von selbst. Maria und Hannes jagten Dauerstrahlen durch den Park, während wir anderen in die Luke eintauchten. Ernst blieb draußen stehen, feuerte wie ein Irrer auf alle sich bewegenden Ziele und brüllte:

Nun kommt endlich rein!“

Hannes ließ sich auf seinen Sessel fallen, Maria als letzte gab Ernst von der Luke aus Feuerschutz; der sprang kopfüber ins Schiff, die Luke klappte zu, ich hatte bereits begonnen, Schubenergie zu aktivieren. Nur nicht alles, hatte Dad gesagt. Sonst fliegt das Schiff am Boden auseinander.

Wir waren auf einen Start nicht vorbereitet. In weniger als zwei Stunden würde ich die neue Justierung nicht schaffen. Draußen wüteten unsere Verfolger. Schweißbrenner konnten die Hülle vielleicht durchdringen. Bei den Materialtests war ich noch nicht im Team. Wer hätte mir diese Angst nehmen sollen. Außerdem konnte niemand vorhersagen, über welche Technik unsere Verfolger verfügten. Aber welche Geräte sie auch haben mochten, sie bräuchten Zeit, bis sie auf die richtigen Ideen kämen und alles herangeschafft hätten. Dachten wir. Plötzlich schrien Siegrid und Heinz auf, zuckten und sackten reglos zusammen. Wir hörten nun, wie es in ihrer Ecke fiepte.

von anna
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Donnerstag, 11. september 2008

Oh, eine sehr unverblümte Aufforderung zur Intimrasur. Da fehlte nur noch das Rasierzeug. Na, Anna, da hat dich ja die Liebe deines Leben gefunden.“

Ernst lächelte mich mitleidig an. Keiner erwartete, dass ich mich, wohin auch immer, von diesem Typen küssen lassen wollte. Aber Hütermann würde sicher bald versuchen, bei mir mehr als nur die Unterlagen für unser Zeitschiff zu bekommen.

Bestimmt wurden wir gefilmt und jede Geste, jedes Wort sofort ausgewertet. Wie auch immer das funktionieren mochte, besser wir redeten nicht über unsere Gefangenschaft oder die realen Fluchthoffnungen. Andererseits mussten wir herausbekommen, in welcher Welt wir gelandet waren. Vielleicht hatten wir genauso wie die WK2-Initiatoren nur den Teufel gegen einen Beelzebub ausgetauscht? Wohin sollten wir denn fliehen?

In der Hausbibliothek fanden sich gebundene Jahrbücher „Zur Geschichte der Familie Hütermann“ Jahrzehnt für Jahrzehnt nebeneinander, 1611 beginnend bis zur Ausgabe 1811 bis 1820. Demnach waren wir irgendwann in den zwanziger Jahren des veränderten neunzehnten Jahrhunderts gelandet. Die Rechenfunktion zum Zeit-Energie-Verhältnis bei unserer Zeitreise hatte nicht gestimmt und unsere Vorstellungen der Menschheitsentwicklung auch nicht. Mit diesem Hütermann waren wir offenbar ausgerechnet einem der traditions- und erfolgreichsten Fabrikanten der durch uns veränderten Welt in die Hände geraten. Also hatte sich doch nur die Geschwindigkeit der Geschichte und ihre wichtigen Orte verändert. Ein anderer Teufel also.

Dad hätte sofort neue Thesen aufgestellt, wie wir weiter verfahren sollten, aber vor allem hätte er Ruhe ausgestrahlt. Die hatten wir bitter nötig.

Siegrid blätterte in dem letzten Band der Familiengeschichte.

Sieh einer an! Hütermanns beherrschen den Markt mit Energieanlagen und sind gerade dabei, auf Informationstechnik umzusteigen. Wer Informationen hat, hat Macht. Hütermann hat Informationen. Klingt auch für uns ziemlich modern, findet ihr nicht auch? Vielleicht ist unsere bessere Welt gar nicht möglich, und wir haben das Ende der Menschheitsentwicklung nur vorverlegt?“

Mach kein Mist! Dann sollten wir wohl noch Hütermanns schräges Angebot annehmen, um zu überleben, ja?“

Am wenigsten gefiel mir, dass Siegrid meine eigenen Befürchtungen laut aussprach.

von anna
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Mittwoch, 10. september 2008

Ach, wir hätten nur etwas zum Lesen, Vielleicht etwas Historisches.“

Kein Problem. Hinter dieser Tür finden Sie meine Bibliothek. Sie ist sehenswert. Nehmen Sie, was Ihnen gefällt.“

Wenn wir nur an unser Schiff heran kämen! Dort war alles, was uns aus Hütermanns Machtbereich herausholen konnte, unsere Fluchtmöglichkeit, die Waffen und hoffentlich unsere beiden Kameraden.

Wir tauschten mit Hütermann Belanglosigkeiten aus. Jeder wollte unauffällig herausfinden, was er vom anderen zu halten hatte. Schließlich beendete der Hausherr die Unterhaltung mit den Worten:

Mein Faktotum Jakob wird Ihnen Marker in die Schultern implantieren. Das ist schmerzlos und dient nur Ihrer Sicherheit. Damit behält Sie mein Wachdienst auf dem Schirm. Für den Fall, dass Sie jemand zum Entfernen aus meinem Bereich veranlassen sollte. Und falls man Ihnen das Ding entfernt, stößt der Sender einen Daueralarm aus. Davor wird Ihnen noch automatisch Dijül injiziert. Sie schlafen dann die folgenden 48 Stunden tief und fest. Bis Sie wieder aufgewacht sind, sind Sie längst bei mir in Sicherheit. Wenn ich Sie bitten dürfte, Ihre linken Schultern frei zu machen?“

Jakobs Operation erinnerte an das Aufsetzen eines Saugnapfes. Dabei verzog er keine Miene.

Endlich hatten wir Ruhe. Ohne diese Marker hätten wir uns frei fühlen können. Uns war nicht einmal ausdrücklich verboten, zum Zeitschiff zurückzukehren. Allerdings hätten wir dann wohl ein Dutzend Leibwächter um uns gehabt. Wie sollten wir hier nur wieder entkommen?

Wir saßen einen Moment schweigend beieinander. Ich steckte meine rechte Hand in die Rocktasche. Überrascht zog ich einen Zettel heraus und las:

Ich liebe jedes Haar an dir,

das abends du kannst missen.

Die Schamhaarwurzeln zeigen mir,

wohin du bist zu küssen. ...“

Deshalb also war Jakobs linke Hand so aufdringlich an meinen Hüften entlang gestrichen.

von anna
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Dienstag, 9. september 2008

Seien Sie nicht zu empfindlich, meine Herrschaften! Sie sind wie aus dem Nichts auf meinem Land aufgetaucht. Bei unserem Sicherheitssystem ist das völlig unerklärlich. Da mussten meine Männer vorsichtig sein. Sie wollten ihnen nichts tun. Aber Sie ...“

Wir sind in friedlicher Absicht unterwegs“, fiel ihm Ernst ins Wort. Er bemühte sich um einen diplomatischen Ton, der so gar nicht zu ihm passte.

Hütermanns Finger jagten einander voll Unruhe. Auf seinem Gesicht lag noch immer dieses unverbindliche Lächeln. Offenbar waren wir ihm unheimlich. Woher aber sollte er erahnen, was hinter unserer jugendlichen Fassade steckte?

Ich will Ihnen das gern glauben. Aber gerade dann haben Sie doch nichts dagegen, wenn meine Männer Ihr Fahrzeug genauer ansehen? Es hat für uns unerklärliche Eigenschaften. So, wie es mein Sicherheitssystem überwinden konnte, wird es das bei anderen auch tun. Und ich bin, offen gesagt, auf Ihre Antriebs- und Karosseriematerialien gespannt. Alles verspricht einen ungewöhnlich hohen Ertrag.“

Sein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht. Ich verbarg meine Gedanken. Ahnte er unsere Herkunft? Auch die anderen schwiegen abwartend.

Überlassen Sie mir die Fabrikationsunterlagen. Ich würde jeden einzelnen von Ihnen mit vier Prozent am Gewinn beteiligen. Für Ihr jugendliches Alter ein mehr als faires Angebot.“

Ich nehme an, wir bleiben Ihre Gäste. Dürfen wir uns bis morgen beraten?“

Ernst hatte sich gut angepasst.

Hütermann war nicht der von Müntzer erträumte Mensch der Zukunft. Unserer auch nicht. Aber was war das für eine Zukunft?

Dürfen wir uns noch etwas wünschen?“

Hanna sah den etwa fünfzigjährigen Herren mit ihrem sanftesten Rehblick an. Hütermann strich sich über die grau melierte Striegelfrisur.

Ihre Wünsche sind mir Befehl. Womit kann ich dienen?“

von anna
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Montag, 8. september 2008

Die Männer sahen aus, als wären sie einem Abenteuerfilm entstiegen, wo wilde Gesellen in die Luft ballernd Kuhherden vor sich her trieben. Ich hielt die seltsamen Mistgabeln, die sie auf uns richteten sofort für Elektroschocker. Aber da wir unsere Strahler zur Beerdigung nicht mitgenommen hatten, sah ich so oder so keine Chance für Widerstand. Einer der Bewaffneten herrschte uns an:

Kommt mit!“

Ich musterte kurz meine Kameraden. Maria und Hannes fehlten in unserem Gefangenenzug. Waren sie schon bei Katis Beerdigung nicht dabei gewesen? Oder hatten sie es geschafft, sich im Schiff zu verstecken? Hoffentlich! Wenn auch sie noch unseren „Gastgebern“ in die Hände fielen, wo sollte dann eine Rettung herkommen?

Die Herren dieser Zeit hatten der Gegend der Gegend ihren Stempel aufgedrückt. Der Weg, die Bäume, Sträucher – alles sah beeindruckend gepflegt aus. In ihnen steckte die Arbeit mehrerer Gärtner.

Man führte uns eine Treppe hinauf in den Empfangssaal. Mit Verbeugung. Ohne die Waffen und die unmissverständlichen Drohgebärden hätten wir uns für Ehrengäste halten können. Die Männer zogen sich zurück. Wir konnten uns umsehen. Alle Wände glänzten von lackiertem Holz. Die beiden Seitenwände waren voller Tierköpfe. Elche, Hirsche, Antilopen auf der einen Seite, Wölfe, Bären, Löwen und Tiger auf der anderen – ein Wandgestaltung, wie ich sie mir bei einem passionierten Großwildjäger vorgestellt hätte. So einem Kolonialherren aus unserer Vergangenheit. Tatsächlich erinnerte dann der Hausherr an einen Kolonialoffizier. Sein Körper war offensichtlich militärisch durchtrainiert. Er hatte lässig einen Bademantel übergeworfen, weil er wohl gerade aus dem Swimmingpool gekommen war. Die Augen fixierten uns kurz und eingehend, als passte etwas in unserer Haltung nicht zu den Teenagerkörpern. Nach dieser Musterung entschied er sich für einen Ton, als wären wir Gäste von hohem Rang:

Hütermann, Georg Hütermann. Ich heiße sie herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie hatten durch meine Leute keine Unannehmlichkeiten.“

Nein, nein, ihre Männer haben uns ganz korrekt gefangen genommen“, stellte Ernst sarkastisch fest. Dank seiner Körperfülle wirkte er irgendwie am respektabelsten von uns.

Hütermann lächelte. Er hantierte mit einer unsichtbaren Peitsche in seinen Händen und zog die Haut der Stirn zu einer breiten Falte.

von anna
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Sonntag, 7. september 2008
 Alles, was ich während der kurzen Reise durch die Zeit zu sehen, hören und fühlen glaubte, war genau so wie bei der Tour in die Vergangenheit. Dann meldete sich die Angst. Ich hätte am liebsten den Helm aufbehalten. Aber eine Veränderung bemerkte ich sofort, vielleicht, weil ich darauf achtete: Ganz so wie zuvor schlabberte der Anzug nicht mehr an mir herum. War ich wieder hinein gewachsen?

Ich sah mich um. Die ersten schlüpften aus den Anzügen. Mir fiel Maria auf. Sie hatte nun besonders dichtes blauschwarzes Haar. Es passte zu ihren warmen, dunklen Augen, ihrem geheimnisvollen Zigeunergesicht und der olivbraunen Haut. In ihrer Bluse richteten sich volle, kegelförmige Brüste auf. Äußerlich war sie jetzt ein ungewöhnlich begehrenswertes Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren. Wenn sie so wirkte, dann war auch ich ein Teenie. In der Zeit, als ich das wirklich war, hatte ich Angst, dass mir jemand aufs Oberteil starren könnte. Jetzt würde ich es genießen.

Inzwischen waren alle aus ihren Skaphandern geschlüpft. Nur Katharina nicht. Hannes drückte seine Nadel auf ihre Naht. Der Anzug sprang auf. Es staubte. Das Mädchen war ein Skelett. Wie in einem Horrorfilm. Alle anderen waren zu Jugendlichen geworden. Was hätten wir für unbeschwerten Spaß daran gehabt, uns zu entdecken, wenn Kati noch bei uns gewesen wäre. So wurden wir die Traurigkeit nicht los. Dieses Mädchen der Vergangenheit war doch fast zu einer von uns geworden.

Warum nur? Weil sie damals wirklich sechzehn war? Dann müsste sie jetzt doch älter geworden sein wie wir alle ...“

Alle wichen meinem Blick aus. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich geheult. Erst mein Vater und Gunti, dann Andreas; hätte ich nicht entschieden, Katharina mitzunehmen, dann hätte sie wahrscheinlich noch viele Jahre zu leben gehabt. Offenbar reichte es, dass ich ein kleines bisschen für jemanden empfand, damit dessen Glück ihn verließ.

Wir tauchten aus der Schiffsluke auf, merkten, dass wir in einem Park gelandet waren, entdeckten in etwa fünfhundert Metern Entfernung dahinter eine Villensiedlung, gruben für unser Bauernmädchen ein Loch, versenkten ihre Überreste in der Erde, standen schweigend herum und waren plötzlich von bewaffneten Männern umringt.

Wie hatten die sich denn angeschlichen? Wir waren wahrscheinlich zu sehr mit Katharina und uns selbst beschäftigt. Da lag uns der Gedanke an einen feindseligen Empfang fern.

von anna
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Dienstag, 2. september 2008

Eigentlich müssten wir ihr ein Geschenk zurücklassen“, meinte Hanna. Aber was? Wir diskutierten lange. Wir glaubten ja, das Zeitproblem wäre gelöst. Was sollte noch passieren? Gleich hätten wir das sechzehnte Jahrhundert in Richtung Startjahr verlassen, und alle Geschichte nähme einen neuen Lauf. Bewaffnete hatten wir auf dem ganzen Rückweg nicht bemerkt. Katharina würde ich vermissen. Ein paar unserer von den Strahlern getrennten Kreuze stellten wir dort auf, wo wir die Asche unserer Kameraden vermuteten. Längst war die Stelle nicht mehr zu erkennen.

Maria hatte die Idee, eines ihrer langen Kleider an einen Baum zu hängen. Wir verlachten sie. Wie musste das aussehen, wenn die arme Wirtstochter plötzlich in einem solchen Teufelskleid auftauchte! Immerhin gab es Märchen, die einen solchen Stoff benutzten.

Ihr seid gute Zauberer?“

Katharina stand vor uns wie ein Gespenst. Sie hatte uns offensichtlich schon eine Weile beobachtet. Was sollten wir ihr antworten? Was konnte sie verstehen? Mehr als ihre Zeitgenossen, das war klar. Aber die Wahrheit?

Wir fliegen wieder fort, Katharina“, erklärte ich.

Damit? Damit seid ihr gekommen, ich hab mir das gedacht.“

Sie deutete auf unser Zeitschiff. Wir waren platt. Nur weil Katharina den Weg kannte, den wir gekommen waren, und dieses Ding vorher nicht da gewesen war, hatte sie sich das Weitere überlegt! In anderen Zeiten hätte etwas Großes aus ihr werden können. Egal. Es war Zeit zum Verabschieden. Sie musste die Lichtung verlassen haben, bevor wir uns auf die Reise machen konnten. Doch sie hatte uns bereits in das Zeitschiff reingehen und wieder rauskommen sehen.

Ist das ein fliegendes Haus?“ fragte sie, und schon kletterte sie hinter Siegrid her durch die geöffnete Luke. Bevor ich es verhindern konnte, ließ Katharina ihren Blick über die Schalensessel und die Schalttafeln gleiten. Ich erwartete, dass die vielen blinkenden Tafeln sie ängstigen würden. Aber wenn das wirklich so gewesen sein sollte, dann ließ sie sich zumindest nichts anmerken.

Nehmt mich bitte mit!“

Dabei sah sie uns abwechselnd an, wie wir, teilweise noch immer als Kindermönche und –nonnen gekleidet, verlegen um sie herum standen. Wir verständigten uns mit Blicken. Warum eigentlich nicht? Wir würden schon einen passenden Raumanzug für sie finden. Ich half ihr beim Anprobieren. Bertas Skap war ihr nur wenig zu groß. Nun stieg ich selbst, in mein noch übergroßes Kleid und den Schutzanzug zu steigen. Vielleicht passten sie mir bald wieder. Im Moment kam ich mir einfach nur komisch vor. Vielleicht fühlte sich Kati einfach nur völlig sicher unter Kindern, die sich wie selbstverständlich vor ihr neu verkleideten.

Ich übernahm den Platz meines Vaters, programmierte Schubumkehr. Wir verfügten noch über 80 Prozent unserer ursprünglichen Speicherenergie. Jetzt sollte alles wie bei der Hinreise ablaufen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Ich hoffte, dass auf der Erde alles viel schöner sein würde, wenn wir in unserem Startjahr zurück wären, damit die Opfer unseres Ausflugs in die Bauernkriegszeit nicht vergeblich gewesen wären.

von anna
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Montag, 1. september 2008

Als wir in etwa dreihundert Meter Entfernung die Einzelheiten überblickten, fiel mir schlagartig Andreas´ Feuerzeug ein. Hier sah man uns als Abgesandte des Leibhaftigen an! Es schien, als kämen wir diesmal nicht um einen Kampf mit den Bauern herum.

Fritzi entdeckte die leicht geneigte Esche zuerst. Schon hatten wir die Kreuze auf deren Stamm gerichtet. Wie ein Riesenball kullerte die Krone des Baumes auf den Weg zwischen uns und dem kleinen Bauernhaufen. Für beide Seiten war vorerst kein Durchkommen möglich. Für die Dorfbewohner kamen Schreck und Überraschung dazu. Ehe sie sich der neuen Situation bewusst geworden waren, hatten wir uns versteckt. Während sie nach oben und auf die Krone starrten, hatten wir uns ins Unterholz geworfen. Reglos pressten wir uns an den Waldboden und warteten. Fürchteten, die Teufelsjäger könnte schon nach einen Weg suchen, um die Baumkrone zu überwinden. Hörten Stimmen. Verstanden sie nicht, denn sie wurden leiser. Wagten nicht hoch zu schauen, hätte uns das doch verraten. In die eintretende Stille hinein meldete sich ein Kuckuck. Die Dörfler waren wie ein Spuk verschwunden.

Als erstes sprang Hannes auf den Weg. Er riss sich die Kutte vom Leib, wedelte sie ein paar Mal durch die Luft und klatschte sie gegen Rücken, Bauch, Brust und Beine.

Verdammte Viecher! Wie die beißen! Ahhh, ... da auch noch!“

Endlich begriffen wir. Nun konnten wir über die Vorstellung lachen: Ein nackter Kindermönch aus dem 23. Jahrhundert wurde im Jahre 1525 von einem Ameisenvolk angefressen! Wir hüpften um ihn herum wie Hexen ums Osterfeuer. Hannes war der einzige, der das nicht sofort komisch fand.

Wieder ordentlich gekleidet zogen wir weiter. Von nun an mieden wir Begegnungen mit Menschen, auch wenn der Marsch dadurch beschwerlicher wurde und vielleicht einen ganzen Tag länger dauerte. Obwohl wir nun wie als Mönch gekleidete Kobolde hinter Bäumen verschwanden, sobald sich uns jemand näherte, ist keiner von uns mehr auf einem Ameisenhaufen gelandet.

Endlich erreichten wir unsere Lichtung. Dort erwartete uns auf beiden Flügeln unseres Zeitschiffes je ein Krug. Genauer: Auf den Flügeln lagen Kreuze und auf diesen stand die Krüge. Durst hatten wir. Ich trank in tiefen Zügen und dachte an Katharina. Sie hatte also unser Schiff gefunden und uns nicht wie die anderen aus ihrem Dorf für kleine Teufel gehalten.

von anna
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