Missglückter Roman, 2. Kapitel (Beginn in der Gegenwart)
Die Genmücke
„Deleted.“
Der Monitor flackerte nicht ein bisschen. Sonst hätte ich gedacht, das Vieh von Computer lachte mich aus. Nun hatte ich den fünften Entwurf für diesen Bettelbrief wieder verschwinden lassen. Die einzeln umformulierten Sätze gar nicht mitgezählt. Hätte ich die Briefe wirklich auf Papier geschrieben, wäre der Papierkorb längst übergequollen. Wenn die Tochter mit ihrem Vater seit sieben Jahren nur gelegentlich per Videophon kommunizierte, sollte sie aber bei ihrem ersten neuen Kontaktanlauf schon ein paar Zeilen per Hand schreiben. Und auf Briefpapier. Selbst ohne mein Psychologiestudium sollte ich das einsehen.
Ich hab dich lieb, Dad.
Oh doch! Mit siebzehn brachte ich solche Worte glaubhaft rüber. Und damals antwortete er wie gut programmiert, „Ich dich auch, Anna.“ Seither waren beinahe wieder siebzehn Jahre vergangen.
Oh, Gott! Das Letzte, was ich ihn von mir wissen ließ, waren Kurznachrichten wie „Es geht mir gut“ und „Ich hab es geschafft.“ Da hatte ich das Diplom gemeint und dass ich die Stelle als Aspirantin erhalten hatte, beides auf einmal. Und Dad hatte nicht nach meinem Zeugnis gefragt. Von mir aus erwähnte ich es nicht. Mit dem Prädikat „Auszeichnung“ wollte ich mich nicht brüsten.
Plötzlich tippte ich wie wild eine Schilderung meiner letzten Wochen in den Arbeitsspeicher. Nach vielleicht zwanzig Minuten sah ich auf, erschrak, als ich den letzten Satz über Manthey las, markierte alle bisherigen Formulierungen und überschrieb sie:
„Hallo Dad!
Ja, ja, du hast es schon immer besser gewusst. Wenn du mir versprichst, mir das nicht laufend aufs Butterbrot zu schmieren, dann komme ich zu dir zurück. Als deine verlorene Tochter. Und ich mache auch fast alles, was du von mir verlangst. Was ich dir zuerst alles schreiben wollte, habe ich vernichtet.
Deine Anna.“
Das schrieb ich säuberlich mit einem feinen Federhalter auf geschöpftes und parfümiertes Büttenpapier ab. Die Schriftzeichen auf dem Umschlag wären allerdings bereits wieder eines Mediziners würdig gewesen. Wenn Dad nicht mehr zwischen den Zeilen lesen konnte, bliebe die Mühe um Schönschrift sowieso vergebliche Liebesmüh.
Aber schon nach drei Tagen kam die Antwort: