Missglückter Roman, 2. Kapitel, "Die Genmücke" (Fortsetzung in der Gegenwart)
wenn es so weit ist, wirst du mir erzählen, was dich quält. Dein Kinderzimmer habe ich bewahrt, wie du es verlassen hast, und in meinem Forschungsbereich ist eine Sekretärinnenstelle frei. Vorerst kann ich dir nicht mehr bieten.
Hans-Heinrich, dein überheblicher Dad“
Ich kündigte mich nicht extra an. Gleich am nächsten Morgen fuhr ich in die verträumte Nordmetropole, die aussah wie vor den alten Kriegen. Mit einem Köfferchen in der Hand bummelte ich von dem historischen Backsteinbahnhof über den Katzensteg durch die Altstadt, vorbei am Platz der Jugend, wo die Schienen für die einstmals quietschenden Straßenbahnen in Richtung Neustadt sich ins Pflaster eingegraben hatten, bis zu den Bürgervillen am Ostdorfer See. Ich trat durch den Vorgarten an das Klopfertor. Hier hatte sich seit über zweihundert Jahre nichts verändert. Alles war alt und gepflegt. So kannte ich es aus meiner Kinderzeit. Auch die letzten sieben Jahren waren spurlos an den Häusern vorübergegangen. Ich drückte den Klopfer wie früher zweimal lang, zweimal kurz und wieder zweimal lang herunter.
Mir öffnete ein bleicher, leicht gebeugter, alter Mann. Ich grüßte mühsam beherrscht mit „Hallo!“ und quälte mir ein freudiges Lächeln ins Gesicht. Meinem Vater hingen Strähnen halb gelichteten, aschgrauen Haares über Ohren und Stirn. Ein Bart kräuselte sich ungepflegt. Dad Augen waren braun wie früher, aber das vertraute Funkeln darin fehlte.
Er dirigierte mich in den Salon. Wenigstens die ausladende Geste dabei hatte sich erhalten.
„Anna, es tut mir Leid. Ich hätte dich nicht hierher einladen sollen.“
„Ich kann ja wieder gehen!“
Dad hatte sich noch nicht gesetzt, ich war wieder aufgesprungen.
„Ich weiß nicht, in welcher Scheiße du steckst, aber ich darf dich nicht in meine hineinziehen.“
Das Wort Scheiße aus seinem Mund! Ich starrte ihn stumm an. Setzte mich wieder. Sah ein Bild aus der Erinnerung auftauchen. Ein eingefrorenes Gesicht, voll Hoffnungslosigkeit. „Du wirst deine Mutter nie wieder sehen.“ Sah mich auf ihn zugehen, ihn umarmen, hörte mich sagen: „Dann pass ich auf dich auf!“ Ich hatte es ernst gemeint mit meinen acht Jahren. Später ließ ich ihn ohne Frau allein zurück. Und jetzt hatte ich keine Ahnung von seinen Problemen.
„Ich höre dir zu! Bitte erzähl!“
Dad schüttelte den Kopf.
„Nein, du zuerst!“