FN 3514 (15)
Am nächsten Morgen trödelte ich. Zum ersten Mal widerte mich der Gedanke an, bedenkenlos mit irgendwelchem Leben zu experimentieren. War mir wirklich alles egal? Oder ekelte ich mich vor der Möglichkeit, ich könnte mich vor Yong-Brown rechtfertigen wollen, das Experiment sei ja nicht meine Idee gewesen? Ich weiß es nicht mehr.
Ich hatte mich dafür entschieden, zuerst noch einmal den Stand am neuen Treibhaus zu begutachten, um dann direkt zu Yong-Brown zu gehen. Lissy hatte ich nicht eingeweiht. Entweder liebte sie mich wirklich oder sie bewunderte (was ich nun nicht mehr hätte verstehen können) den jungen, dynamischen Teamleiter, der es im Institut zu etwas hätte bringen können. Im zweiten Fall wäre ich am bevorstehenden Abend eben wieder Single.
Obwohl ich so sehr mit mir selbst beschäftigt war, fiel mir schon von Weitem eine ungewöhnliche Betriebsamkeit in der Umgebung unseres Gebäudekomplexes auf. Es war weiträumig abgesperrt. Auf dem Hauptweg gab es eine Sperre. Dort standen Security-Leute und einige Männer, die irgendwie nach FBI stanken. „Hier können Sie nicht durch!“
Verblüfft nahm ich den abschätzenden Blick war, mit dem die zwei in Zivil Werksausweis und mich vergleichend musterten und trotzdem wiederholten „Hier können Sie nicht durch! Bitte begeben Sie sich in Block drei und halten Sie sich dort zur Verfügung!“
In Block drei war auch das Büro von Yong-Brown. Insoweit hätte ich dort ja sowieso hin gewollt. „Aber können Sie mir mal sagen, was los ist? Da war doch nur ein kleiner !“
„Ob Unfall oder Mord, das ist ja wohl unsere Sache, festzustellen. Und ob ein Menschenleben klein ist, ... darüber reden wir noch!“
Zu weiteren Auskünften war keiner der Beamten bereit. Lissy ging neben mir her, als sei sie meine Tochter und nicht meine Freundin.
In Yong-Browns „Schleuse“ erwarteten uns Esther und Paul. Auffällig unauffällig standen Uniformierte herum, die nicht zu unserer Security gehörten. Die Schleuse ... Ich weiß nicht, ob das alle Institute so eingerichtet hatten. Yong-Brown jedenfalls hatte sein Büro, davor den Machtbereich seiner Sekretärin und davor noch so etwas Ähnliches wie ein Wartezimmer. Normalerweise gingen wir dort immer durch. Wenn der Professor aber jemandem seine Macht demonstrieren wollte, dann musste er in diesem steril wirkenden Vor-Vorraum warten. Plastikschalen imitierten Marmor. Und hier erfuhren Lissy und ich nun endlich, was Paul schon wusste: Man hatte Walkers Gerippe gefunden. Es hatte restlos abgenagt in jener Schleuse gelegen, in der zuvor jener Unfall passiert war. Noch war weder klar, wie Walker noch, wie die Bienen dort hineingekommen waren. Wir waren uns alle sicher, das neue Treibhaus fest verschlossen gehabt zu haben, bevor wir uns die Reste jenes Fleischgelages besichtigt hatten.
Die Befragungen erspare ich mir. Ich konnte beim besten Willen nichts zur Beantwortung der beiden Hauptfragen beitragen. Und mit gutem Gewissen konnte ich sagen, dass ich nichts über eventuelle Feinde oder Suizidabsichten Walkers gewusst hatte. Nein, ich hatte eigentlich nichts über ihn gewusst.
Wichtiger war Anderes: Zum einen verschob ich mein Gespräch mit dem Professor auf später. Zum anderen aber wurden die für einen außen Stehenden wie mich erkennbaren Nachforschungen bereits nach drei Tagen eingestellt. Ich musste später noch einmal meine Aussage unterschreiben. Es gab eine feierliche Beerdigung und eine offizielle Version: John Mackenzie habe den von ihm initiierten gescheiterten Tierversuch nicht verkraftet. Er habe sich betrunken und am Abend mit Suizidabsicht selbst die Schleuse geöffnet. Yong-Brown dankte mir übrigens per Mail für die gute Arbeit und erklärte, dass er weiterhin auf mich zähle. Das kam mir wie blanker Hohn vor, und Walker war alles andere als ein Typ, der sich das Leben nimmt. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass irgendetwas nicht stimmte, dann war das das Gerücht, dass jener Security-Mann, der sofort die Polizei benachrichtigt hatte, versetzt worden war ... ins Archiv ... mit erhöhtem Gehalt. ... und es für die Security eine Sonderunterweisung gegeben habe zum Verhalten in Extremfällen.