FN 3514 (16)

Veröffentlicht auf von anna

Es war nun schon Jahre her, dass ich Kontakt zur Außenwelt gehabt hatte. Also ausnahmsweise als Urlauber. Ich wusste gerade einmal, ich war Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Aber genau genommen war das Institut für mich zu Familie und Staat in einem geworden. Und jetzt braute sich etwas zusammen, was mit Forschung nur wenig zu tun hatte. Es war kaum anzunehmen, dass Walkers Schicksal so eindeutig gewesen sein konnte. Es war kaum anzunehmen, dass Yong-Browns Einfluss so groß sein konnte, dass die Staatsmacht sich seinetwegen vom Institutsgelände zurückzog. Es musste also Zusammenhänge geben, die von größerer Bedeutung waren. Und wenn ich mein Verhalten bedachte, so wäre es unter normalen Umständen kaum Grund für eine Belobigung gewesen. Wäre ich mit meinem Wissen an Yong-Browns Stelle gewesen, ich hätte mich der Verantwortung enthoben. Also ...

Ja eben dieses Also ... blieb mir schleierhaft. Und mein Unbehagen war so vage, dass ich mich nicht einmal mehr Lissy gegenüber zu öffnen wagte. Mehrmals war ich zwar nahe daran. Aber ich wusste nicht, was ich ihr hätte sagen sollen, ohne vorher ihre Antwort vorherzusehen: Du spinnst! Und dann eröffnete sie mir, sie sei schwanger. Das war wenigstens etwas Handfestes. Zum einen kettete es uns fester zusammen, zum anderen ans Institut. Ich brauche ja wohl nicht besonders zu erwähnen, dass zum Institutskrankenhaus auch eine eigene Entbindungs- und eine Säuglingsstation gehörte. So vergingen einige Monate mit gelegentlichem Zweifel, ständigem Misstrauen gegenüber den Kollegen und all dem, was eine Hochzeit so mit sich bringt. Denn die war ja nun so was wie selbstverständliche Pflicht und für alles Drumherum sorgte der Event-Service des Instituts.

Es hatte übrigens nicht lange gedauert, da wurde uns der nächste Neue für den Rechner zugeteilt. Ein mürrischer Greis. Er mochte schon die 50 erreicht haben, hatte angeblich eine Frau und zwei erwachsene Kinder und war überhaupt das glatte Gegenteil seiner beiden Vorgänger. Trotzdem oder vielleicht deshalb lernte ich ihn nie richtig kennen. Bereits nach gut einem Monat verschwand er ohne Abschied. Von einem Tag zum anderen kam er nicht mehr an seinen Arbeitsplatz und Yong-Brown teilte uns mit, er habe Mr. Bracker's Antrag auf Versetzung stattgegeben und wir würden in den nächsten Tagen Ersatz erhalten.

Ich glaubte ihm nicht. Aber was sollte ich machen? Ich fand es nur merkwürdig, dass das nun schon der dritte Mann im Team war, der an unserem Hauptrechner gestanden hatte und verschwunden war. Mochte ich auch seit Längerem an meiner Wissenschafts- und Leitungskompetenz zweifeln, der Bluthundinstinkt, angeblichen Zufällen nachzujagen, war noch nicht abgestorben. Dann war da noch etwas Anderes. Noch etwas, worüber ich mit niemandem zu reden wagte: Mich begannen Albträume zu verfolgen. Ich saß in einem Raum mit ockerwarmen Wänden. Neben mir lag Lissy auf einer Pritsche, die Knie angewinkelt, die Füße aufgestellt. Sie starrte in die Luft, ihr Gesicht war schweißüberströmt. Ich strich ihr das Nachthemd nach oben, ließ meine Hände über den fest gespannten Bauch kreisen. Da waren sie plötzlich da. Manche waren aus dem Nichts aufgetaucht, manche krabbelten unter der zur Seite geschlagenen Decke hervor, manche krochen dort hervor, woher doch eigentlich unser Baby hätte kommen müssen. Sie alle verteilten sich auf Lissys Körper. Erst verschwand der Bauch unter Bienen, ihre Oberschenkel. Die Decke fiel von der Pritsche. Jetzt waren sie überall. Ich konnte mich nicht rühren. Auch auf meine Lippen setzten sie sich. Ich bekam den Schrei nicht heraus: Hilfe! Ist denn hier niemand? Nein, Kein Ton. Nun sah ich ihre Stachel in Lissys Fleisch und ... Es war so ekelig und ich musste zusehen. Die ganze Zeit. Und ich erwartete schon Lissys Beckenknochen zu sehen und Lissy war auch ganz still. Bis sie plötzlich doch schrie und alles drehte sich um mich und plötzlich stand da diese Frau im weißen Kittel, die mir eine riesige Biene in die Arme reichte. Wie soll sie denn heißen, Ihre Königin. Und ich konnte noch immer keinen Ton von mir geben und hörte nur überall Gelächter und ich dachte, dass müssten die vielen Bienen sein, die ich nicht mehr sehen konnte, und dann stach mich mein Riesen-Bienen-Baby in den Finger und mir tropfte Blut auf die Decke und im selben Augenblick wurde ich munter.

 



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