FN 3514 (2)
Und dann kamen eines Tages unsere Bienenvölker nicht mehr zurück. Was aus ihnen geworden ist, habe ich nie erfahren. Wir hechelten wochenlang nach konkreten Nachrichten. Doch es gab keine. Dad war schon lange vorher krank gewesen. Er hatte das nur gut vor uns verbergen können. Nun aber schien mit den Bienen auch sein Lebensmut verflogen. Ich seh mich noch an seinem Krankenbett stehen und dieses unselige Versprechen abgeben: Ich würde mich weiter um unsere Bienen kümmern. Ich weiß nicht einmal, ob Dad in jenem Moment vergessen hatte, dass seine Bienen nicht mehr da waren oder ob er das ganz allgemein gemeint haben könnte. Eine halbe Stunde später hatte er aufgehört zu atmen.
Wie sollte ich mein Versprechen denn nun einlösen? Ich entschied mich für ein Studium der Entomologie. Das bewältigte ich so überzeugend, dass ich ein Stipendium vom Arizona Insect Research Institute bekam. So oft meine Zeit es zulie゚, half ich dort von Anfang an bei praktischen Studien. Manche meiner Kommilitonen hielten mich sicher für einen Streber, manche im Institut für einen nützlichen Idioten, aber insgesamt war ich gut angesehen. Ich gehörte überall dazu. Und meine gelegentlichen Anfälle von Schwermut verbarg ich sehr geschickt. Dazu war das Institut besonders gut geeignet. Es glich am ehesten einem riesigen Sanatoriums- oder Kurkomplex. Backsteinbauten aus imitierter elisabethanischer Zeit inmitten eines von Wanderwegen zu mehreren Froschteichen durchzogenen Parkgeländes. So mochte es einst in edlen Gegenden Merry Old Englands ausgesehen haben. In Arizona wirkte es wie eine fremdartige Ruheoase.
Die Anlage hatte allerdings einen nicht unwesentlichen Nachteil: Die einzelnen Sektionen wussten fast gar nichts voneinander. Für jedes Gebäude brauchte man einen anderen Zugangschip und die Codierungen wurde wöchentlich verändert. Mit zwanzig hatte mich noch die Neugierde getrieben. Was sollte an Insektenforschungen so Geheimes sein? Schnell gewöhnte ich mich daran, Chips zu sammeln wie andere Briefmarken. Aber irgendwie tat ich die Geheimnistuerei als Marotte, als Wichtigtuerei ab.
Wer redet sich nicht gern ein, etwas Wichtiges und Besonderes zu tun – gerade, wenn man so Welt bewegende Dinge wie Käfer und Schmetterlinge sezieren als Hauptbeschäftigung hatte?
Natürlich war mein Ziel klar: Es gab mehrere Projekte, die sich auf verschiedene Weise mit dem mysteriösen Verschwinden von Bienenvölkern beschäftigten. Dass unsere nicht die einzigen waren, wusste ich ja aus den Nachrichten. Das für mich interessanteste war jenes, von dem ich zumindest eine Arbeitshypothese kannte: Der Schaden bei den Insekten könnte auf genetischen Veränderungen der Pflanzenblüten beruhen. Wenn dies so wäre, dann müsse man ihm mit „entsprechenden“ Veränderungen im Genom der Insekten, hier also der Bienen, entgegenwirken können. Es blieben also „nur“ die Fragen, welche genetischen Veränderungen der Pflanzen dies sein könnten und welches die „entsprechenden“ genetischen Antworten. Mich interessierte die erste Frage im Prinzip zwar auch, aber das war nicht mein Gebiet. Ich wählte ein Team bei Professor Yong-Brown, das eine genetische Korrektur des Bienen-Genoms anstrebte.
Das Misstrauen, das man mir anfangs entgegenbrachte, kann ich gut verstehen. Ich hätte ja wirklich so ein verbohrter Öko sein können, der sich für die Völker seines Vaters rächen wollte. Aber ich sah das anders. Mochten auch die genetischen Pflanzen Menschenwerk sein, so waren sie doch inzwischen da in der Natur, und man musste ihnen irgendwie begegnen. Und was war da nähe liegend als mit den Mitteln, mit denen sie einst entstanden waren? Außerdem hatte ich von Anfang an keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, welches Ereignis mich zu meiner Berufswahl getrieben hatte. Allmählich gewöhnte man sich an mich.