FN 3514 (3)

Veröffentlicht auf von anna

 

 

Anfangs versuchte ich noch, mit Uneingeweihten über die Forschungsreihen zu reden, obwohl dies verpönt war.Ich musste es aufgeben. Die komplexen Formeln verwendeten wir ja selbst nicht, nur noch Buchstaben-Nummern-Kombis. Und eines hatte ich bei meinen Aufnahmegesprächen zu Recht betont: Eigentlich hatte ich nach dem Tod meines Vaters keine engen Beziehungen mehr nach draußen. Keine Geschwister, nicht wirklich Freunde oder Kumpels, mit denen man wichtige Dinge teilt, und meine Mutter hatte schon als Dad noch lebte einen unangenehmen Alterstarrsinn an den Tag gelegt, obwohl sie gar nicht so alt dafür war. Fast erschien mir diese Bindungsarmut ein Kriterium meines Vertrages zu sein, aber hätte man mir das damals so gesagt, hätte ich wohl nur gelacht. Für mich war alles spannend. Wenn man sich auf den Weg macht, das Genom eines Lebewesens zu entschlüsseln, so ist das eine Entdeckungsreise zu einem ungeheuer komplexen Periodensystem der Elemente – und da stimmt mir meist jeder zu, dass das schon eine tolle Entdeckung war. Das Prinzip ist ähnlich. Eine allerdings immer fast endlose wirkende Reihe von veränderten Nuancen, bis irgendwann ein Umschlag folgt in eine neue Qualität, die dann wieder トhnlichkeiten mit der vorigen Reihe aufweist. Allerdings meist so, dass der möglichen Kombi CB 1645 wieder lauter unmögliche oder sinnlose Kombinationen folgen. Zumindest erscheinen sie sinnlos.


Im ewigen Kleinkrieg von Versuchsreihen änderte sich fast bedeutungslos mein juristischer Status. Aus dem vom Institut bezahlten Studenten wurde ein vom Institut bezahlter Angestellter, der am College auf seinen Doktortitel zusteuerte. Logisch, dass meine Tätigkeit im Prinzip gleich blieb.

Anfangs, ja, leider nur anfangs. Ich habe nichts bewusst dafür getan, aber nach ein paar Monaten als Doktorand wurde mir die Verantwortung für ein kleines Team übertragen. Sein und damit mein Durchbruch hätte nun also eines dieser modifizierten Bienen-Wesen sein sollen. Deren Eigenschaften und Zusammenwirken mit ihrer Umwelt möglichst umfassend dargestellt hätte ausgereicht, dass ich ans Grab meines Vaters als Doctor Jonathan Waechter, meinetwegen Doc John hätte treten können und er stolz auf mich gewesen wäre.

Die meiste Zeit hatte ich nicht mit lebenden Wesen zu tun, sondern mit Computersimulationen. Greg hatte mich so lange genervt, dass ich fast schon selbst aufwändige Programme hätte schreiben können. Aber natürlich war er das mir zugeteilte Computergenie, und Lissy war die Neue. Dann gehörten noch Paul und Esther zum Team, die schon vorher miteinander verbandelt waren. So war es Usus bei Jong-Brown. Er baute jeweils fünfköpfige Teams, die parallel oder nebeneinander Projekte abarbeiteten. Fünf Köpfe, damit nie ein schlüssiges Paarsystem entstehen konnte, und immer mit einem Newcomer als Teamchef, damit ausreichend Konkurrenz innerhalb der Teams bestand und sich neidische Zuträger für ihn als Chef vom Ganzen fanden. Dumm für mich, dass ich dieser Newcomer war und Greg scharf auf Lissy war, ausgerechnet Greg, den ich noch brauchte, während Paul und Esther im Forschungsbetrieb leicht vertrocknete Mittvierziger waren, denen ihr Haus am Rande des Institutskomplexes wohl mehr wert war als unsere Bienenforschungen.

 

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