FN 3514 (6)
Es folgte eine traumhafte Zeit. Lissy zog zu mir und die Bienenkönigin entfaltete sich tatsächlich als solche. Wir lie?en unsere wertvollen Schöpfungen natürlich noch nicht drau?en schwärmen.Wir leisteten uns den Luxus, ihnen den Honig ihrer im weiten Sinne Artgenossen als Futter anzubieten. Vorräte hatten wir genug, und begeistert stellten wir fest, dass unsere FN-Bienen sich nicht als Kostverächter erwiesen. Wir lie?en uns nicht drängen. Die neue Bienenart war ein reines Kunstprodukt. Es wäre Unsinn gewesen, sie sofort auf die freie Natur loszulassen. Wer sagte uns denn, dass sie wirklich ihr manipuliertes Genom kopierten und der folgenden Generation weitergaben? Wer sagte uns, ob wir nicht nebenbei ihr Orientierungssystem gestört hatten, wie das einige Forscher von den verschwundenen Bienen behauptet hatten? Wir hatten Geduld. Die gro?e Forschung würde an jenen Geschöpfe zu bewältigen sein, die wieder „natürlich“ entstehen würden, also an jenen Bienen, für deren „Geburt“ „unsere“ Königin zuständig war und gefüttert wurde. Zumindest dieser Instinkt war – genau wie der arbeitsteilige Aufbau des Staates - erhalten geblieben. Eigentlich war der Erfolg am allerwenigsten meine Leistung. Vielleicht verstand ich nur zu wenig von Frauen, und war deshalb verunsichert, dass mich Lissy zu vergöttern begann. Aber mir tat es gut.
Dann dieses herrliche Gefühl, für neues Leben verantwortlich zu sein. Auch neue Bienen sind ja neues Leben. Als jenes Ereignis herangerückt war, fühlte ich mich wie der Oberarzt einer Frauenklinik. Ich gebe zu, insgeheim freute ich mich sogar ein wenig, dass Gregs weiterlaufende Reihen bis zu diesem Tag keine nutzbare neue Kombi ergeben hatten. Die Angst, er könnte mich doch noch bei Lissy ausstechen, hatte ich nicht verloren. Aber die Strafe dafür traf mich trotzdem ganz unvermittelt:
Wir hatten alles für das Experiment „erster Ausflug“ vorbereitet. Die FN 3514 b-Bienen (also die der zweiten Generation) wurden in eine vollkommene Kunstnatur entlassen. Ein Treibhaus mit einem Gemisch an Kunst- und Sonnenlicht, mit blühenden Pflanzen aller Art. Wir hatten so viele Kameras installiert, dass kein einziges Blatt unbeobachtet hätte wackeln können. Es gab Blüten nebeneinander, die die Natur nie nebeneinander zugelassen hätte, und in verschiedenen Farben. Wir waren sicher, nichts vergessen zu haben. Und dann ...
Als wir nachher wie die Verrückten die vielen Filme durchsahen, verfestigte sich von Mal zu Mal unser anfänglicher Eindruck: Unsere tollen Bienen waren losgeflogen, hatten versucht sich zu orientieren – ob ihnen das gelungen war, konnten wir nicht sagen – und etwas gesucht. Jeder Film bestätigte, dass sie nicht fanden, was sie gesucht hatten. Jeder Film zeigte aber auch, dass sie ihre Suche nicht auf Blüten konzentrierten, egal welche. Unsere Wesen sahen eindeutig aus wie Bienen, aber Blütenstempel interessierten sie nicht, schillernde Farben lockten sie nicht. Manchmal flogen sie merkwürdige Kreise. Immer dann hatte ich das Gefühl, mein Adrenalinspiegel stiege an. Auch die anderen fühlten sich beschwingt. Wir schoben das auf die Erwartung eines Erfolgs – wie immer der aussehen sollte.
Inzwischen beobachteten wir noch etwas Anderes: Unsere b-Bienen nahmen gern Honig zu sich. Doch dann ... Bei der Verdauung des Honigs entstanden kleine Portionen klassischen Alkohols. Die Tiere wurden besoffen und führten sich auch so auf. Ginge das so weiter, würde unser Volk bald delirierend aussterben.
Vielleicht wäre das sogar das Beste gewesen.