FN 3514 (5)

Veröffentlicht auf von anna

 

Irgendwann waren wir dann an jenem Punkt, wo die Hoffnung, ein neues „Element“ in der Reihe zu ermitteln, wenigstens theoretisch, wieder größer war als die Hoffnung auf eine tatsächlich lebende Biene FN 3514. Obwohl der Bildschirm uns mehrmals suggerierte, wir hätten die umkodierten Sequenzen eingesetzt, erwiesen wir uns praktisch nur als Bienenmörder. Ich kam mir echt stark vor, dass ich weder Verzweiflungsausbrüche hatte noch bei anderen zuließ. Aber eigentlich war ich zu jung, um diese Phase der sich verflüchtigenden Hoffnungen tatsächlich zu bewältigen. Es war der Höhepunkt des Zermürbtseins, als ich allein in meinem Einzelzimmer an dem entscheidenden Mittwochabend das aufziehende Gewitter beobachtete. Als es endlich richtig regnete, wunderte ich mich, warum ich nicht heulte, als es donnerte, nicht schrie. Und mir war doch so sehr zum Heulen und Schreien. Nach Mitternacht lief ich hinaus in den Park. Es hatte aufgehört zu regnen und es roch berauschend nach Wald. Kein Mensch schien noch auf der ganzen Erde zu leben. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte in einem der Froschteiche gebadet. Als ich zurückkam, ging es mir nicht direkt gut. Nein. Aber ich fiel sofort in einen Steinschlaf.

Zur nächsten Schicht verspätete ich mich um ein paar Minuten, richtiger: ich traf nicht genauso viele Minuten früher an meinem Platz ein wie üblich. Noch immer roch die Luft draußen wie frisch gewaschen und kiefernbadgespült. Doch noch bevor ich meinen Chip gezückt hatte, sprang die Bereichstür auf, Lissy kam heraus und umarmte mich in hemmungsloser Begeisterung: „Sie leben! Sie leben alle.“

Und dann sprudelte es aus ihr heraus. Sie habe nach dem Gewitter letzte Nacht gar keine Lust gehabt, überhaupt zu kommen, und nun das! Die ganze Reihe sei ein Erfolg. Der Brutkasten sei voller lebender Bienen, und wenn sie es recht überblicke, dann seien darin Arbeitsbienen und Wächter und Drohnen und eine künftige Königin und ...

Ich brauchte eine Weile, um sie zu beruhigen. Selbst wenn ihre Vermutung richtig sein sollte, dann könne man noch nicht sagen, ob ... und sie sollte mir zeigen ...

So richtig hätte ich mich in dem Moment nicht entscheiden können, was mich mehr freute: Die Aussicht, vielleicht tatsächlich das Problem zu lösen, das mich in diesen Job gedrängt hatte, die Erwartung, doch noch die innerlich schon in den Wind geschriebene wissenschaftliche Anerkennung zu bekommen, oder die Aussicht auf den Platz in Lissys Bett, die in die leuchtenden Augen des Mädchens geschrieben war. Ich ließ mich von Lissy in den Raum mit den Brutkammern ziehen und mich von ihr bereden wie ein Vater von seiner Vierjährigen, die ihm die Puppe zeigen will, die sie zu Weihnachten haben möchte, und irgendwann hörte ich überhaupt nicht mehr hin. Ich sah nur eines: Wenn nicht gleich ein Wecker klingelte und uns aus diesem Traum riss, dann hatten wir tatsächlich ein kleines neues Bienenvolk erschaffen.

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