Die Fleisch fressenden Bienen (8)
Greg bekam in den nächsten Tagen so viel Material von uns, dass er mit seiner Forschungsreihe pausieren konnte. Verhaltensbeobachtungen. Noch mehr Verhaltensbeobachtungen. Studien mag ich nicht sagen. Was wir da sichteten, war absolut neu. Wir waren übereingekommen, Yong-Brown nichts zu berichten. Er hätte mindestens eine Hypothese verlangt, und vor genau der schreckten wir zurück. Unsere interne Erklärung erschien uns zu einfach für eine halbwegs wissenschaftliche Behauptung – vor allem fehlte uns jede, solch eine Annahme stützende Beobachtung: Die neuen Bienen brauchten irgendeinen fleischlichen Katalysator, um ihren Bienen-Nahrungskreislauf in Gang zu bringen oder zu halten. Genauso gut konnten es aber auch Fleisch- oder Allesfresser sein. Gegen die Fleischfresservariante sprach allerdings, dass unsere b-Bienen schubweise nach Fleisch verlangten und sich zwischendurch wie „normale“ Bienen verhielten.
Gregs Computer zeichnete jedenfalls eine Kurve. Deren Aussage war eigentlich eindeutig: Nach der Aufnahme des Mäusefleischs waren unsere b-Bienen am aktivsten. Danach nahm die Zahl der angeflogenen Blüten stündlich um ein Prozent des Anfangswerts ab. Am vierten Tag sah man, wenn überhaupt, müde Insekten suchend herumirren. Es war wahrscheinlich, dass am fünften Tag alle Aktivität aufhören würde, eventuell dauerhaft. So entschieden wir uns für den Anbau einer Futterschleuse. Paul entwickelte dabei überraschenden Ideenreichtum, und er kam auch mehrmals erfolgreich von „Beutezügen“ (wie er das nannte) zurück. Das Produkt war fast genial. Es ähnelte einer überdimensionalen Spritze. Ihr Durchmesser betrug 40 Zentimeter. Vor ihrem Ausgang zum Treibhaus hatte sie eine außen verschließbare Luke, wie es sie an Kanonenöfen gibt, und das eigentliche „Spritzenrohr“ war voller winziger Löcher. Man brauchte nur die Versuchstiere in das Rohr zu stecken, vorn öffnen und die Tiere vorwärts schieben, vorn schließen, wieder zurückziehen usw.
Dass ein Ontologe wie Paul auf eine so praktische Lösung gekommen war, verblüffte mich.
Aber der Erfolg gab ihm Recht.
Mittlerweile war klar, dass unsere b-Bienen ein breiter gefächerten Nahrungsbedarf hatten, als das bei „normalen“ Bienen üblich war. Sie ernährten sich auch nicht von fleischlicher Kost überhaupt, nein, sie benötigten lebende Tiere, um sich dann wieder über Nektar herzumachen. Versuche, sie beispielsweise mit Hundefutter abzuspeisen, schlugen fehl.
Wir hatten einen übervollen Napf eingeschoben. Viele Bienen hatten sich dem Frischfleisch (oder was als solches angeboten wurde) genähert, waren darüber mehrere Schleifen geflogen und hatten sich dann allmählich wieder entfernt.
Die folgenden Ereignisse wären vielleicht etwas anders verlaufen, hätte ich damals die anderen gefragt, wie sie sich bei jener Szene fühlten. Bei mir fiel mir schon auf, dass ich Kopfschmerzen hatte, so ein Stechen in den Schläfen, und Übelkeit. Aber natürlich sah ich damals keinen Zusammenhang mit den „Ereignissen“ im Treibhaus.