FN 3514 (9)
Langsam rückte ein neues Problem auf uns zu. Wir hatten zwar eine fantasievolle Zusammenstellung der Blütenwelt der ganzen Erde gefunden, darunter einige Dauerblüher, aber inzwischen nahm die Gesamtzahl der Blüten, die Insekten zur Bestäubung aufforderten, deutlich ab. Wer hätte denn damit rechnen können, dass wir es mit Fleisch fressenden Bestien zu tun haben könnten, die ein uns noch unverständliches Signalsystem besaßen? Wir hatten testweise ein paar Mäuse nachts eingeschleust. Da hatten die Bienen ihren Schlaf unterbrochen, waren über die Beute hergefallen, um danach in aller Ruhe weiter zu schlafen. Nun konnten wir uns sowieso nicht häufiger nachts auf dem Gelände auffallen, wollten wir nicht die Aufmerksamkeit, besser den Verdacht des Professors wecken. Ich kannte außerdem Filme, in denen Mörderbienen Menschen angriffen und die Schutzkleidung der Imker zu überlisten versuchten. Um etwas im Treibhaus zu verändern, hätten wir besonderen Schutz gebraucht – und wären aufgefallen. Dabei hätte es eine simple Lösung gegeben, nämlich den ganzen schlafenden Staat nachts im Dunklen in das vorbereitete Nachbartreibhaus zu tragen. Das wäre sonst ein Weg gewesen. Da es uns nicht an Mitteln fehlte, sogar ein leichterer, als die Pflanzen im Treibhaus auszuwechseln. Aber wir wagten an keine Variante ernsthaft zu denken.
Irgendwie waren wir nahe dran, unsere Idee, dem Chef getürkte Zwischenstände zu melden, aufzugeben. Da schlug Paul ein anderes Experiment vor: Vielleicht ließe sich die Bewegungsrichtung der b-Bienen steuern ...
Wir haben Paul angesehen, als hätte er ein Auto mit fünf Räder vorgeschlagen. „Woran hast du dabei gedacht?“, hatte selbst ich gefragt, obwohl ich mir schnell vorstellen konnte, woran er dachte. Sein Vorschlag war so genial wie einfach und aufwändig. Was, wenn die Bienen sich miteinander verständigten? Brauchte man nicht einfach diese Verständigung nachzuahmen?
Die erste Gedankenrunde lief ins Leere. Zwar gab es auch bei vielen Insekten geschlechtliche Lockrufe. Aber nicht bei Bienen. Es gab Ortsbeschreibungen mittels Tanz, aber selbst wenn wir diese „Kommunikation“ für unser Volk entschlüsselt hätten, hätten wir keine b-Biene animieren können, einen Wunschtanz aufzuführen.
Eine Weile alberten wir herum, deutliches Zeichen unserer Unsicherheit, dann wurde es still. Aber Paul hatte offenbar sein Pulver noch nicht verschossen. „Und was ist mit einem Hilferuf? Oder mit Gefahrensignalen?“
Diese Überlegungen hatten mindestens einen Vor- und einen Nachteil.
Der Vorteil war, dass Wellen, egal, ob Geräuschwellen oder Frequenzen außerhalb unseres Gehörs au?erhalb des Treibhauses erzeugt werden konnten, während man die Reaktionen drinnen leicht beobachten konnte, man konnte die Wirkungen testen, während die Bienen sicher in ihrem Treibhaus waren. Der Nachteil war, dass auch solche Experimente nach außen schwer geheim zu halten sein würden.
Paul beruhigte uns. „Wir beginnen mit hohen Frequenzen. Klappt´s, dann ziehen wir die Sache heimlich durch. Klappt´s nicht, können wir immer noch beichten.“