FN 3514 (10)
An der Stelle hätte ich längst stutzig werden müssen. Irgendwie hatte ich schon vergessen, was uns ursprünglich zu der Geheimniskrämerei veranlasst hatte. Irgendein jungenhafter Eifer, eine nachvollziehbare Theorie allein vorzustellen, muss es wohl gewesen sein. Aber längst überwogen die Nachteile dieses Vorgehens. Warum mich Paul so euphorisch bestärkte und ich mich in der Nähe der schwirrenden Genbienen wie im Dauerrausch zu neuem Unfug anstiften ließ, das waren doch Fragen, mit denen sich ein Forscher beschäftigen musste! Aber manchmal sieht man bestimmte Dinge eben, weil man sie sehen will, und andere sieht man eben, weil man sie nicht sehen will, nicht. Und ich hatte mich aus einem Gemisch von Gefühlen in dieses Projekt verbissen – dachte ich zumindest damals: Ich war wie Lissy nur begeistert und nicht verwundert, als wir schon nach etwa 30 Stunden Experimentieren ein für uns unhörbares Geräusch generiert hatten, das unsere b-Bienen dorthin lockte, wo der Generator stand – und zwar mit einer Intensität, dass sie an der Scheibe eine Traube bildeten. Wir mussten fürchten, dass die ersten, sinnlos gegen das Glas geflogenen Tiere von den nachfolgenden erdrückt würden. Die Bienen waren exakt fixiert auf ihren Zielpunkt, der mathematisch einwandfrei die Geräuschquelle war. Kein Mensch kann in seinem Hörbereich so exakt die Herkunftsrichtung eines Geräuschs bestimmen. Von unserem Erfolg überrumpelt, schalteten wir den Generator ab. Und wieder beobachteten wir Beeindruckendes. Das Bild der Bienen ließ sich wohl nur mit der Reaktion eines Menschen vergleichen, der in einen starken Sog geraten ist, sich mit aller Kraft dagegen gewehrt hat, und dann ist der Sog plötzlich weg. Jedenfalls kullerten, ja, eigentlich könnte man wirklich sagen kullerten die Bienen ein Stück zurück ins Treibhaus, sie bewegten sich noch einen Moment völlig orientierungslos, bis sie endlich wieder „normal“ waren, wenn dieser Ausdruck für unsere Bienen überhaupt zulässig war.
„Seht ihr?“
Wir brauchten nur noch die Tür von altem und neuem Treibhaus weit aufmachen, den Generator hinter dem neuen aufstellen und schon wechselten unsere Bienen in ihr neues Heim.
Wenn ich mir vorstelle, dass ich damals gerade einem geachteten akademischen Grad entgegensteuerte! Das, was wir gerade gesehen hatten, war aber so überzeugend gewesen, dass ich wie ein verspielter Junge alle Risiken beiseite schob. Es ist auch keine Entschuldigung, dass niemand prinzipielle Einwände äußerte. Eigentlich ging es nur darum, wie wir unsere Aktion Yong-Brown erklären sollten. Denn dass alles unbemerkt bleiben könnte, hoffte plötzlich niemand mehr. Wir wollten nun zugeben, dass wir ein noch immer unverstandenes Stück weiter waren, als unsere bisherigen Berichte dies hatten glauben machen wollen. Aber eigentlich war uns alles egal. Wir schwebten berauscht umher. Manchmal zog es mich zum Treibhaus und ich bewunderte die tanzenden Bienen mit einem Gefühl, wie man es bei einer frischen Liebe hat. Aber warum hätte ich mich wundern sollen? Ich hatte ja meine frische Liebe! Und Lissy ging es wie mir ...