FN 3514 (11)
Ich wurde zum Sonderrapport gerufen. Eigentlich war ich auf alles gefasst, was nach Rüffel ausgesehen hätte. Aber das Gespräch, wenn man das so nennen sollte, dauerte nicht länger als der Moment, an dem ich mich nachher an die Wand lehnte, um durchzuatmen und mich wieder zu sammeln.
„Also von jetzt an berichten Sie mir selbst alles, was Ihnen merkwürdig vorkommt ... und wenn ich alles sage, dann meine ich auch alles. Und bevor Sie fragen: Das betrifft auch Beobachtungen im Kollegenumfeld. Und nun viel Erfolg mit Ihrem Standortwechsel!“
Erst ganz langsam dämmerte es mir, dass ich dem Chef also absolut nichts Neues berichtet hatte. In meinem kleinen Team war also mindestens ein Maulwurf.
Ich brauche nicht viel drum herum reden. In der Nacht zum 6. August erfolgte der komplikationslose Umzug. Wir hatten den gesamten Weg provisorisch mit Planen abgedeckt. Yong-Brown stellte uns die als Riesenschleuse zur Verfügung, aber wir hätten sie praktisch nicht gebraucht. Alle Bienen bewegten sich exakt auf den akustisch gesteckten Bahnen.
Eine Woche lang litt ich unter Schlafstörungen. Ich zermarterte mir den Kopf, wer da welches Spiel hinter meinem Rücken betrieben hatte bzw. noch betrieb, und wie ich damit umgehen sollte. ?brig blieb das Gefühl, niemandem trauen zu können, und eine Arbeitshypothese mit hoher Wahrscheinlichkeit: Paul und Esther waren von Anfang an bei mir eingeschleust worden, um mich zu überwachen. Welche Art Nutzen das haben sollte, musste ich noch herausbekommen. Etwas Anderes wog nämlich noch schwerer. Es erschien mir nunmehr nicht unwahrscheinlich, dass Paul sogar mehr wusste als ich. Seine vorantreibenden Ideen hatte ich zuvor für Zufall gehalten. Nun aber stellte sich die Frage, ob er er die Ideen von Yong-Brown bekommen hatte, der ihren Erfolg schon vorher gekannt hatte. Nur wenn, warum?
Immerhin stand mir Lissy bei. Irgendwie fand ich ihren Kommentar schlüssig: Unser Ziel war der wissenschaftliche Erfolg. Wir waren gut voran gekommen, als wir ganz naiv an die Dinge herangegangen waren. Wenn wir nun davon ausgehen konnten, dass Paul und Esther die Maulwürfe waren, warum nicht weitermachen wie bisher? Wir hatten es doch nun in der Hand, welche Infos zum Chef dringen würden ... Dann tun sie das eben. Ich beneidete Lissy um ihre Unbekümmertheit. Wenn man sich vorstellt, wann sie mir diesen kleinen Vortrag gehalten hatte: Ich hatte mich gerade von ihrem Körper gelöst mit den Worten „Du, entschuldige! Ich kann nicht. Ich bin einfach nicht bei der Sache.“
Am Morgen, unmittelbar vorm Losgehen, kamen wir dann doch noch zur Sache. Vielleicht wäre vieles anders gekommen, wenn ich an diesem Morgen sozusagen mit eine kleinen Portion Depression am Arbeitsplatz erschienen wäre. Aber ich fühlte mich in meiner angeschlagenen Männlichkeit wieder rehabilitiert. Lissy war übrigens, bevor ich es zu erwähnen vergesse, ein faszinierendes Mädchen. Ja, Mädchen! Mit 26! Und sie wusste, was für ein Geschenk sie war, dass man, also Mann, ihr gern ins Gesicht und etwas abwärts sah und wenn sie vor einem ging, den Blick nicht von ihren anderen beiden Rundungen losrei?en konnte. Ich zumindest konnte es nicht an jenem Morgen wie einer von der Highschool. Dass uns Greg berichtete, es sei eine neue Brut geschlüpft, nahm ich wie im Rausch wahr. All meine Familienerfahrungen mit der Bienenzucht waren vergessen. Es war einfach nur eine Freude mehr. Nachwuchs! Aufmunterung für Greg, der mit seinen damned Versuchsreihen nicht einen neuen Erfolg zu vermelden gehabt hatte.
Die c-Bienen, die man natürlich nicht von den b-Bienen unterscheiden konnte, spielten gerade Mückenmännchen. So drückte es zumindest Esther aus. Das Bild kam dem Mückentanz an Ende eines schönen Sommertages zumindest sehr nahe. Wir alle fühlten uns beschwingt und gingen mit kindlichem Eifer an unsere Arbeit, die uns nun wie ein verlockendes Spiel vorkam.