Kanskes Kamera

Veröffentlicht auf von anna

 

Bertram überlegte. Der korrekt gekleidete Herr vor ihm erinnerte an einen Versicherungsvertreter. Anzug, helles, einfarbiges Hemd, schlichte Krawatte, gelig glänzendes, nach hinten gekämmtes Haar. Dazu ein unauffällig angenehmer Duft eines teueren Eau de Toilettes. Kein Hinkefuß oder Schwefelgestank.

Sie sollten sich von überholten Vorstellungen lösen„, beantwortete sein Gegenüber die unausgesprochene Frage.

Bertram war schon weiter mit seinen Gedanken:

Wenn es einen Teufel gibt und der sitzt da, dann hätte ich eine Seele, auf die er aus wäre.„

Auf Ihre Seele habe ich es nicht abgesehen. Im Moment jedenfalls nicht. Durch Sie gewinne ich Tausende davon. Sie brauchen nur das da weiterverschenken. Wem auch immer. Ich versorge Sie mit ausreichend Nachschub.„

Der Fotograf Bertram Kanske konnte seine Gier nicht verbergen: „Unglaublich! Diese Kamera durchdringt wirklich alle Bekleidungsstoffe?„

Brauchen Sie technische Details? Die werden Sie langweilen.„

Bertram streckte die Hände nach der digitalen Spezialkamera aus. Als er von ihr aufsah, war er allein.

Das glaubt mir keiner.„

Er stieg in eine Straßenbahn Richtung Zentrum. Menschen unbemerkt zu fotografieren und dies als besondere Perspektive der Bildgestaltung künstlerisch für sich auszunutzen, war schon immer seine Spezialität. Er stand mit scheinbar ungeschickt ausgestrecktem Arm in der Bahn, vorgeblich auf der Suche nach einem besseren Platz zum Festhalten, und schoß in Gänge und Sitzreihen, was die Kamera hergab.

Schon an der übernächsten Station stieg er wieder aus. Er konnte er es kaum aushalten, endlich zu erfahren, was er im Speicher hatte.

Beinahe hätte er laut aufgeschrien vor Begeisterung. Waren das Bilder! Sensationell! Nicht pornographisch, nicht einmal erotisch, aber unbeschreiblich intim! Bertram konnte die Augen nicht von ihnen lösen. Sie weckten den Voyeur in ihm. Und warum sollte, was ihn so erregte, andere Männer kalt lassen ... und Frauen?

Damit würde er zum bestverdienenden Fotografen der Szene aufsteigen. Die Arbeitswut trieb ihn durch die Straßen. Locker wie der Colt eines Westernhelden hatte er die schußbereite Kamera überall dabei. Bald quoll sein Computer von unfreiwilligen Spontanakten über. Und drei externe Speicher.

Bertram sortierte sie längst nicht mehr unter „Akt„ ein. „Nackte Straße„, „Nackte Komik„, „Gay Life mit Frauenkörper„, „Bauchbart und Doppelkinn„, „Herbstkörper im Sommerkostüm„ und „For Eyes Only„ waren nur einige der Serientitel, die ihm einfielen.

Mit einem Schlag sollten sie den Markt überfluten. Er gründete seinen eigenen Verlag. Davon abgesehen würden sich bald alle großen Kunstverlage um ihn reißen. Im Prinzip brauchte er nur noch ausdrucksstarke Aufnahmen für eine spektakuläre Präsentation und den Termin bei einer einschlägigen Zeitschrift.

Nein, habe ich wirklich noch nicht gesehen solche Fotos. Beachtlicher Aufwand. Sie als unbekannter Künstler ... wie haben Sie die vielen Models zusammenbekommen?„

Sie wollen mir nicht glauben?„

Hören Sie auf, das ...„

Bertram ließ den Redakteur nicht ausreden. Demonstrativ riß er die Kamera hoch, rief „Augenblick!„, knipste scheinbar freihändig und ging nach einem kurzen Blick auf das Display lässig um den Schreibtisch.

Unwillig folgte sein Gegenüber der Sieh-her-Geste. Dann stutzte er. Vor sich sah er sein schlips-, hemd- und unterhemdfreies „Brustbild„.

Was ...? Wie ...?„

Machen Sie daraus, was Sie wollen.„

 

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