Kanskes Kamera (2)
Schnell genug, um den Mann in grenzenloser Verwunderung zurückzulassen, war Bertram aus dem Büro verschwunden. Das bewirkte den gewünschten Artikel. „Stellen Sie sich vor, jemand richtet wie unbeabsichtigt eine Kamera auf Sie, und schon waren Sie sein Aktmodel! ...„ lautete dessen Einstieg.
Eine Lawine rollte an. Nicht nur die Sensationspresse hatte ihren Stoff, eigentlich griffen alle „Medien„ die Story auf. Sie mußten ja Geld verdienen. An Bertram Kanske kamen sie und die ahnungslosen Leser nicht mehr vorbei. Man sah seine Bildbände im Erotikshop und im Megastore, aber auch im Buchladen an der Ecke, je nach Motiv.
Längst war Bertrams Seele gesichert, denn schon nach einer Woche hatte er die Kamera über ein Dutzend Mal verschenkt. Nur Freunden natürlich und unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Und obwohl er von einigen nicht einmal den Namen wußte, wollten sie alle den Apparat lieber behalten als ihn sich zu leihen.
Bald aber war die Sensation überall abgenutzt. Noch ein paar psychologische Fachartikel, dann verschwanden seine Entblößungen, von neuen Sensatiönchen verdrängt, aus den Schlagzeilen. Regelrecht im allerletzten Moment ging da der erste Brief einer bekannten Anwaltskanzlei ein. Eine Frau Seeligmann habe sich als unfreiwilliges Aktmodell wiedererkannt. Sie erklärte ihre Persönlichkeitsrechte für verletzt und zwar mindestens in Höhe von zwei Millionen Euro.
Kanske instruierte seinen Anwalt, vor Gericht in erster Instanz berufungsfähig zu verlieren. Dieser schauerliche Rechtsfall war fast jedem Medium wieder mehrere Schlagzeilen wert. Eigentlich machte er erst Kanskes Kunst zum absoluten Kult. Denn nun jagte im ganzen Land jeder dem Foto nach, das gerichtsfähig seine Persönlichkeit verletzt haben könnte. Kanskes Bildbände bedeuteten die Hoffnung auf schnellen Reichtum.
Jetzt zahlte sich aus, daß Bücher verschiedenster Art in unterschiedlichen Verlagen erschienen waren. Einstweilige Verfügungen, mit denen die Verbreitung einzelner Fotos verboten wurde, behinderten Kanske dadurch kaum. Wobei ihm selbst dann noch die Internetgemeinde erhalten blieb.
Seine Eingangspost ließ er durch die Anwaltskanzlei vorsortieren. Die vielen Klagen belästigten ihn, und warum sollte er sich mit den Verfahren beschäftigen, wenn er dafür ausgebildete Vertreter hatte?
Eines der Fotos, das er vergeblich einem Bildband zuzuordnen versucht hatte, fesselte ihn auf andere Weise. Nicht, weil das abgebildete Mädchen so ungewöhnlich schön oder seine Klage gegen ihn so ungewöhnlich unverschämt gewesen wäre, nein, das Mädchen wirkte eher unscheinbar, und geklagt hatte es noch gar nicht. Eva, so hatte er es für sich getauft, lächelte einfach bescheiden. Sie hatte halblanges dunkelblondes Haar, geblähte Nasenflüge, ihr Becken war breit, die Taille betont, und kraftvoll reckten sich so große Brüste nach vorn, daß er sich beim ersten Betrachten des Fotos fragte, ob wohl die sichtbar ideale Form ihres Busens Ergebnis eines durch die Fototechnik unsichtbar gewordenen Brusthebers, Erfolg einer Schönheitsoperation oder echte Jugend war. Dann schreckte ihn die Vorstellung, wie fremde Männer sich an diesem ahnungslosen Wesen aufgeilten. Erstmals hatte er das Bedürfnis, jemanden vor unerwünschten Gaffern zu bewahren.
(ff)