Kanskes Kamera (3 / Schluss)
Plötzlich interessierten ihn die Angebote all der Mädchen nicht, sich gern vor ihm „in echt„ auszuziehen für Fotos ... und so. Wo gerade dieses eine Mädchen seine Eva werden sollte.
Eine gut bezahlte Detektei ermittelte ihre Identität. Aber wie sollte er sich ihr nähern?
„Sie waren mir eine große Hilfe. Warum sollte Ihnen jetzt nicht zur Seite stehen?„
An einem vergrübelten Morgen lag der Duft des bekannten französischen Parfums im Bibliothekszimmer. Bertram sah den Teufel erschreckt und mißtrauisch an.
„Ja, ja! Sie sind fast der letzte, dessen Seele ich nicht eingehandelt habe. Zur Zeit drängen sich mir die Leute mit wahrem Feuereifer auf! Sie wollen verdienen. Die einen dadurch, daß sie die intimsten Geheimnisse ihrer Mitmenschen ausposaunen, die nächsten dadurch, daß sie Versicherungen dagegen verkaufen, und die übrigen sagen sich, daß, wenn ihre Blöße schon öffentlich zu sehen ist, sie daraus wenigstens ihren eigenen Gewinn ziehen sollten. Nur Ihre Eva fällt etwas aus dem Rahmen. Ich gebe Ihnen gern ihren Körper, wenn ich dafür ihre Seele gewinne. Nur die Gestalt des Bertram müssen Sie dafür verlassen.„
„Ist mir egal! Ich ...„
„Nicht so stürmisch! Seien Sie einfach heute 17 Uhr vor ihrer Tür. Alle folgenden Nächte und Tage wird sie mit Ihnen teilen. Das kann ich richten.„
Nach einer unruhigen Kaffeepause machte sich Bertram für den Besuch fertig. Verdutzt betrachtete er sein verändertes Spiegelbild.
„Entscheiden Sie, was wichtiger ist: so ein langweiliger Engel Andrea oder rudelweise aufregende Mädchen und der Ruhm eines Starfotografen„, hatte der selbe Teufel in der Zwischenzeit dem Verlobten der „Eva„ erklärt. „Glauben Sie, andere Frauen haben keine aufregenden Venushügel? Vergessen Sie Andrea! Sie werden schon heute Abend reich und berühmt sein. Das ist mein Angebot. Sie müßten nur um 17 Uhr vor dem Haus des Bertram Kanske stehen und als dieser hineingehen.„
So begegnete Bertram am Abend einem Mann in seiner bisherigen Gestalt. Er erschrak vor dem Gedanken „War ich das?„, dann ging er weiter. Nun war er es jedenfalls nicht mehr.
Wen immer Bertram entblößt hatte, der oder die hätte es mit ihm umgekehrt genauso getan, wenn er oder sie es gekonnt hätte. Mit dieser Erfahrung entschuldigte er alles. In der Hülle eines Anderen entdeckte er bei seiner Andrea-Eva eine neue Nacktheit. An ihr war nichts Berechnendes, keine Reizhaut als Geschäftskleidung. Das trieb Kanske in die Enge. Seine Paktpflicht wäre eingelöst, wenn er Andrea Ehrlich für seine Jagd nach dem großen Geld gewänne. Damit aber hätte sie ihren Wert für ihn verloren gehabt. Er begehrte sie ja als Engel in seiner Teufelswelt.
„Du hast dich irgendwie verändert. Früher hast du nicht so schnell und oberflächlich deine Mitmenschen abgeurteilt ...„ Andrea-Eva wunderte sich über den neuen Zynismus ihres Partners. Aber sie schien sich selbst die Schuld zu geben, fürchtete, einen schlechten Einfluß auf Paolo zu haben. Vertraute ihm. Trotzdem.
Bertram rief erneut den Teufel an.
„Der Körpertausch, ... ich will ihn rückgängig machen.„
Als er das abweisende Gesicht des Geschäftspartners sah, erläuterte er: „Ich will die Eva nicht mehr ... für diesen Preis. Wenn ihr richtiger Verlobter sie Ihnen in die Hände treiben will, soll er schuldig werden. Ich kann nicht.„
Der Teufel hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
„Was habe ich davon? Paolos Seele gehört mir schon. Nur du bist offen und dein Engelchen ...„
Bertram rang sichtlich mit sich selbst. „Lassen Sie Andrea in Ruhe. Von mir bekommen Sie sie nicht. Wenn ... dann nur mich!„
„Ich bekomme euch beide!„
Im selben Moment war Bertram Kanske allein.
Er hatte gehört, daß Selbstmörder sich dem Teufel schenken. Deshalb manipulierte er die Kamera für das Hochzeitsfoto. Mit dem Blitzlicht traf ihn eine tödliche Kraft. Er würde das geliebte Wesen nicht verderben.
So erfuhr er nicht, daß in Andrea die Frucht seiner körperlichen Liebe heranwuchs. Sie nannte das Kind nach dem vermeintlichen Vater Paolo. Noch viel später konnte der Junge seinen Freunden nicht erklären, warum er keine Fotoapparate mochte. Aber seine Abneigung wirkte ansteckend.