Gerhards Zeit
Gerhard Gluck hatte den Ton des Fernsehers abgedreht. Auf dem Bildschirm warfen fröhlich herumhopsende Gestalten beiderlei Geschlechts und vielerlei Alters Konfetti in die Luft. Gerade legten sie sich gegenseitig die Hände auf die Schultern, und begannen, angefeuert von einem jungen Mann, die nächste Polonäse durch den Saal.
Ohne weiter hinzusehen ergriff Gerhard sein Sektglas und kippte es in einem Zug hinunter. Dann drehte er seinen geröteten Kopf nach links zur 14jährigen Maria, die zusammengekauert neben ihm auf der Couch hockte:
„Siehst du: Selbst dieses Scheißjahr geht einmal vorbei. Jedem anderen wird die Strafe irgendwie auf Bewährung ausgesetzt ...„
Maria sah ihn mitleidig an. Sie wollte entrüstet widersprechen, aber der Vater hatte bereits das nächste Glas gefüllt und winkte mit der Hand, die eben noch die Sektflasche geschwenkt hatte, erbittert ab:
„Ich weiß, was du sagen willst. Aber meinst du nicht, daß dieses Jahr etwas zu heftig war oder verstehst du das nicht? Die Alte rennt mir weg; läßt mich mit der großen Tochter allein zurück in der Wohnung, wo ich eh nix von Weibern verstehe. Der Chef der neuen Firma läuft weg, läßt mich zurück mit Schulden und nicht gezahltem Gehalt. Das Arbeitsamt kann nicht weglaufen, aber stellt fest, daß ich vorher nicht lange genug gearbeitet habe. Der Wohnungsbaugesellschaft fragt nach der offenen Novembermiete; da möchte ich weglaufen ...„
Diesmal füllte er Marias und sein Glas mit konzentrierten, abgebremsten Bewegungen, bis kein Tropfen mehr aus der Flasche kam. Auf dem Bildschirm lief der Countdown zum Jahresende.
„Nein, ich bin nicht betrunken, leider. Nicht einmal das bekomme ich hin.„
Während er auf den Fernseher starrte, der dem alten Jahr noch vier Sekunden gab, forderte er Maria zum Anstoßen auf.
„Was haben wir schon zu erwarten. Uns kann nur noch der Teufel helfen. Der mag uns. Also mögen wir ihn auch ...„ Und während das große Feuerwerk begann, brüllte er: „Auf den Teufel!„
... Die Fernsehuhr steht still.
Maria ist erstarrt. Sie hat ihren Mund halb dem Sektglas entgegen geöffnet. Die ersten Tropfen sind ihr an den Mundwinkeln herab auf das T-Shirt gelaufen und lassen ihre Brustwarzen durchschimmern. Verwundert wendet sich Gerhard an die Statue: „Mensch, Maria, du wirst ja eine Frau!„ Der übrige Strahl steht reglos in der Luft und deutet wie ein Pfeil auf den feuchten Stoff.
Erst jetzt bemerkt Gerhard den jungen Mann, der geräuschlos auf dem Sessel ihm gegenüber Platz genommen hat. Der sieht aus wie fünfundzwanzig. Kurze, ordentlich frisierte Haare betonen den erfolgsverwöhnten Ausdruck, der aus dem ganzen Gesicht heraus den Betrachter umwirbt. Ein feiner, gut geschnittener Anzug mit passendem Hemd und Krawatte vervollständigen das Bild des dynamischen Gewinners.
ff