Gerhardts Zeit (2)

Veröffentlicht auf von anna

Gerhard schrumpft innerlich mit einem Blick auf seine eigenen ausgebleichten Jeans und das bauchumschlabbernde Hemd.

Du hast mich gerufen? Für den Erfolg ist es wichtig, die Bedürfnisse des Marktes zu bearbeiten. Du bist mein Markt.„

Eine leichte Übelkeit packt Gerhard.

Du hast Probleme und erkannt, daß ich dir bei der Lösung helfen kann. Also bin ich da.„

Der Krampf in der Magengegend wird stärker. Gerhard hört überrascht seine eigene Stimme:

Aber es hat alles seinen Preis ...„

Das ist richtig„, fährt der Besucher fort. „Aber ich weiß, wie gerne du meinen Preis zahlen wirst. Was ist dein Leben im Augenblick wert? Im Großen Buch ist deine irdische Zeit auf 78 Jahre und fünf Monate bemessen. Das hieße, du müßtest noch fast 37 Jahre so weitermachen. Willst du dir das antun? Siebenunddreißig weitere solche Jahre?„

Mechanisch schüttelt Gerhard den Kopf.

Ich hab die Lösung für dich. Drei Geräte zur dauernden Nutzung.„

Mit einem einnehmenden Lächeln legt er Kästchen auf den Tisch, die aussehen wie Handys oder die Fernbedienung des Fernsehers.

Du siehst, daß im Augenblick in der Welt um dich herum die Zeit still steht. Das kannst du mit einem Druck auf diesen Knopf selbst auslösen. Wenn du zum zweiten Mal drückst, ist keine Sekunde Zeit vergangen und allein du hast dich bewegt. Jede Sekunde dieser geschenkten Zeit kostet dich eine Stunde deines Lebens. Ein fairer Preis, ein echtes Sonderangebot würde ich meinen.„

Gerhard nickt, ohne recht zu begreifen.

Dann empfehle ich dir das Zeitsprunggerät. Du stellst auf der Digitalanzeige die Zeit ein, in der du vorübergehend sein möchtest, drückst auf Enter und schon bist du dort. Allerdings solltest du das nicht übertreiben. Hier verbraucht sich deine Lebenszeit schneller: Die erste Sekunde kostet nur eine Stunde, die zweite schon zwei, die dritte drei usw. Wenn du also ganz in eine ferne Zeit zu flüchten versuchst, kommt das dem schnellen Selbstmord gleich.„

Diesmal bleibt Gerhards Gesicht ohne Regung. Er sitzt jetzt fast so starr wie seine Tochter.

Und als drittes„ - diesmal deutet der Höllenvertreter auf etwas Spraydosenartiges - „eine Bonuszugabe: Wenn du die Zeit angehalten hast, kannst du diese Waffe auf wen auch immer richten und ihm befehlen, was er in Zukunft tun muß. Er wird es tun. Das kostet dich nichts. Allein seine glücklichen Stunden vergehen danach wie Sekunden.„

Gerhard blickt auf die leere Sektflasche vor ihm. Eine Parfümwolke liegt im Zimmer.

ff
 

 

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