Gerhardts Zeit (3)

Veröffentlicht auf von anna

... „Na, ih!„ prustete Maria. „Soll ich in Sekt baden? Wir wollten uns doch auf dem Balkon das Feuerwerk ansehen.„

Sie wandte ihrem Vater den Rücken zu, zog das feuchte T-Shirt über den Kopf, wischte sich im Gehen die Tropfen ab und kam nach knapp einer Minute mit einem roten Pulli über der Brust und ihrem Anorak in der Hand zurück ins Wohnzimmer.

Währenddessen hatte Gerhard die leere Flasche weggeräumt, den Fernseher ausgeschaltet und mit einem verwunderten Blick die drei kleinen Geräte, die zuvor noch nicht auf dem Tisch gelegen hatten, hinter dem Kasten versteckt.

Als die beiden fröstelnd vom Balkon kamen, meinte er:

Wir sollten jetzt schnell ins Bett gehen. Sonst fangen wir an, Gespenster zu sehen.„

Und weil Maria ihren Vater liebte, gab sie ihm einen Schmatz auf die stachlige Wange und verschwand.

Gerhard rannte zum Fernseher, lugte ängstlich dahinter; ja, dort lag etwas. Dann fiel er, ohne irgendetwas angerührt zu haben, auf der Couch in einen unruhigen Schlaf.

 

Endlich mußte Maria wieder zur Schule. Gerhard überdachte nüchtern seine Lage. Wahrscheinlich war alles Unsinn. Dann entsorgte er die drei Geräte als Elektronikschrott. Oder das Teufelszeug funktionierte. Bei einem heimlichen Test konnte er sich nicht blamieren.

Was brauchte er am dringendsten? Geld.

Er stellte sich vor, die Zeitungen des Folgetages aufzuschlagen. Darin stünden die fünf Börsenhauptgewinner und -verlierer des Vortages, also von heute. Spitzengewinne von 15 bis 50 Prozent. Wer also beispielsweise für 100000 Euro Aktien des Gewinners besaß, könnte die am Folgetag für 115000 bis 150000 Euro verkaufen. Und dieses Geld wieder und wieder anlegen, nur daß der Gesamtgewinn schnell in astronomische Höhen stiege.

Gerhard schwindelte es. Die Zahlen drehten sich vor ihm im Kreis. Bei dieser Methode verdiente er innerhalb eines Monats mehr Geld, als er im Rest seines Lebens ausgeben konnte. Er vollbrächte ganz nebenbei Wohltaten an Menschen, denen es schlecht ginge wie ihm jetzt noch.

Der Schwindel schwand schnell. Das wunderschöne Zahlenspiel hatte einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Haken: Für die ersten zu kaufenden Aktien mußte er irgendwie 100000 Euro aufbringen. Und er hatte nicht einmal die Tausend für sein überzogenes Konto.

Er mußte zum Arzt. Ohne weiter darüber nachzudenken, prüfte er, daß er seine Versichertenkarte bei sich trug, dann steckte er die unbenutzte Teufelselektronik ein und zog den Mantel an. Erst vorm Eingang zum Ärztehaus beschäftigte ihn ein verführerischer Gedanke. Ärzte waren doch gut verdienende Leute. Wenn er neben der Angina auch die Schwindsucht seiner Börse durch den Doktor behandeln ließe?

Doktor Tarbak war ein freundlich-brummiger Graukopf von etwa 60 Jahren. Sein blasses, faltiges Gesicht stand in deutlichem Gegensatz zu dem wohlwollenden Lächeln, das aus den Augenwinkeln die Patienten belauerte. Überwiegend kamen Familien hierher, die den Hausarzt von einer Generation zur anderen vererbten. Junge Zufallspatienten hielten den Alten für mürrisch und abweisend.

Hört sich immer noch nicht gut an. Zum wievielten Mal haben wir uns denn jetzt das Rauchen abgewöhnt?„

 

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post