Operation Zeitensprung, 18. Kapitel "Albtraummorgen" (2. Fortsetzung)

Veröffentlicht auf von anna

Dass ich in diesem Augenblick zu Siegrid guckte, mochte Zufall sein. Sie dachte offenbar angestrengt über das nach, was Ernst gesagt hatte. Dabei erinnerte sie an einen Computer, der unangenehm brummte, weil die Kühlung des Prozessors defekt war. Früher einmal. Bei Siegrid bildete sich eine Falte, die fast wie ein Halbmond vom linken Augenwinkel zum Mundwinkel führte. Langsam verstand ich, warum ich sie instinktiv abgelehnt hatte. Es lag an ihrem Äußeren. Sie sah im Gegensatz zu uns allen wie über dreißig aus, beherrscht und kalt, und sie unterstrich das noch durch die straff nach hinten zu einem Knoten gebundenen Haare. Ich schwieg sie erwartungsvoll an.

Siegrid sagte plötzlich, „Kommt!" und sprang auf.

Tatsächlich liefen wir hinter ihr her, ohne weiter zu fragen. Es überraschte uns, dass sie wortlos in den E-Bus stieg und eine Zahlenkombination eingab. Als der Bus dann am Tierpark hielt, drehte sie sich uns zu.

„Mein Gedanke mag absurd klingen. Aber ich teste nur das, was ich an ihrer Stelle gemacht hätte."

„Du wärst zum Wolfsgehege gegangen."

„Nein, Ernst, ich wäre INS Wolfsgehege gegangen. Nuk liebt die Viecher. Im Augenblick sind sie für sie die letzten, die sie noch nicht enttäuscht haben. Entweder ich hätte einen gestreichelt oder er hätte mich aufgefressen. Und wenn, dann wäre mir das auch egal gewesen."

So hatte ich Siegrid noch nie erlebt. Ich hatte sie von früher immer als kalt und unnahbar in Erinnerung.

„Verrückt. Aber glücklicherweise kommt sie da nicht rein. Oder wird zumindest sofort bemerkt."

Ich musste es den anderen fast nachrufen. Die schienen von Siegrids Idee fasziniert. Und zugegeben: Auch ich traute Nuk zu, die elektronischen Sperren zu überlisten.

Das Wolfsgehege war sehr weitläufig angelegt. Wer die Tiere wirklich sehen wollte, kam am besten zu den ausgehängten Fütterungszeiten.

Der Wärter sah Siegrid an, als wäre sie nicht ganz normal. Sie redete beschwörend auf ihn ein:

„Wir brauchen Peilsender. Wir vermuten, dass ein etwa zwölfjähriges Mädchen sich im Wolfsgehege das Leben nehmen will."

Erst der abwechselnde Blick in unsere Gesichter überzeugte ihn schließlich, dass er es wohl mit keinem Streich zu tun hatte.

„Ich gebe Alarm."

Noch während er mit seiner Zentrale sprach, liefen wir zum Gehege in der Hoffnung, Nuk irgendwo zu entdeckten. Kaum waren wir an dem Zaun, hangelte sich Siegrid an einer Latte hoch, und mit einem artistischen Sprung war sie im Revier der Wölfe. Ein urtümlicher Sirenenton ließ uns für einen Moment die Ohren zuhalten. Eine monotone Stimme rief in regelmäßigen Abständen „Komm zurück, komm zurück! Bleib wenigstens stehen! Komm zurück! ..."

Ein Tierparkjeep jagte heran. Drei Männer in glänzenden Mänteln sprangen heraus. In dem Moment in dem der letzte das Fahrzeug verließ, verklang das Sirenengeheul und die Warnstimme. Was die Männer in den Händen hielten, erinnerte sehr an Hütermanns Elektroschocker. Ich zweifelte keinen Moment daran, dass die Geräte zumindest ähnliche Aufgaben erfüllten.

„Bitte bleibt zurück!", riefen die Männer den Umstehenden zu. Dann verschwanden sie zwischen den Bäumen, dort, wo auch Siegrid unseren Blicken entschwunden war.

Es war absurd. Ich glaubte, ich musste einfach loslaufen. Alle Sperren waren abgeschaltet, der Weg frei. Ich lief also wirklich los. Ich hatte noch gar nicht jenes Gebüsch erreicht, hinter dem man für die Blicke der Zuschauer von draußen unsichtbar wurde, da kam plötzlich Nuk hinter einem Baum hervor.

Kam wäre eine Untertreibung. Sie rannte, flog mir fast entgegen.

„Es hat geklappt, es hat geklappt! Oh, Anna hatte ich eine Angst, dass mich jemand anderes findet! Aber nun bist du ja da."

Sie umarmte mich stürmisch, presste mich an sich, dass ich kaum Luft bekam, und zum Glück riss sie mich dabei um. Sonst hätten die zusammengeströmten Zuschauer sicher gerührt geheult oder geklatscht – so lachten sie befreit, und geklatscht haben sie später auch.

Inzwischen führten die drei Tierparkwärter Siegrid wie eine Gefangene aus dem Wolfswäldchen. Die hatte die neue Lage nicht erfasst.

Nun lassen Sie mich doch! Das Mädchen ist in Gefahr. Kommen Sie, schnell! Holen wir sie, bevor es die Wölfe tun!“

Als Nuk die Szene bemerkte, machte sie sich von mir frei, lief zu Siegrid hin, streckte ihr vorsichtig die Hand entgegen und rief laut:

Nun komm schon raus! ... Entschuldige ... Danke!“

Schließlich waren alle wieder außerhalb des Geheges. Nuk hatte meine Hand genommen und Siegrids. Wir liefen vorneweg Richtung Tierparkeingang. Plötzlich blieb Nuk ruckartig stehen. Sie sah uns mit gespielt bösem Gesicht an.

Nein, immer muss ich auf euch aufpassen. Einen Moment und ihr macht Blödsinn. Ins Wolfsgehege einsteigen! Was da alles hätte passieren können.“

Dabei ahmte sie Mamas Stimme so überzeugend nach, dass wir nicht anders konnten. Wir lachten, und am Videophon nach Hause riefen wir nur „Sie ist wieder da.“

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