Operation Zeitensprung, 18. Kapitel "Albtraummorgen" (Fortsetzung)

Veröffentlicht auf von anna

Tatsächlich. Es wurde mir ganz plötzlich bewusst. Nachdem ich bei ihr eingezogen war, hatte Nuk ihre Kontakte zu Luk fast völlig aufgegeben. Sie hatte mich zur Freundin, großen Schwester und wichtigsten Partnerin in einem ausgewählt.

Ich hatte gar nicht so darauf geachtet. Jedenfalls war ich mit Josh nach unserer intimen Geiselbefreiungsfeier in eines der leeren Zimmer gezogen, und am Tag darauf hatte ich meine Sachen dorthin geholt, während Nuk in der Schule gewesen war. Richtig gesprochen hatten wir nicht miteinander. Sie musste ja glauben, ich wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Sie wäre abgeschrieben, weil ich nun jemanden hatte für alle Probleme und später ein eigenes Kind.

Die Stimmung in der Familie war plötzlich umgeschlagen. Than fasste es in Worte:

„Es ist schwer mit euch. Ihr bleibt eben Egoisten. Wenn es um euren persönlichen Vorteil geht, denkt ihr nicht darüber nach, wen ihr verletzt. Nuk ... also wenn Nuk etwas zustößt, ich möchte euch nicht in meiner Familie behalten."

„Sprich nicht so", wies ihn Paps zurück. Auch Mama warf Than einen strafenden Blick zu. Aber ich konnte mir nicht helfen. Ihre Ermahnungen an die jüngeren Familienmitglieder wirkten halbherzig. Sie hatten wohl selbst mit dem heimlichen Wunsch zu kämpfen, uns wenigstens mit Worten zu lynchen. Die Vorstellung, Nuk könnte weg sein, aber wir noch da, tat ihnen offensichtlich genauso weh, obwohl sie es nicht aussprechen wollten.

Die alten Familienmitglieder diskutierten unter sich weiter über Möglichkeiten, wo Nuk sein könnte. Ein paar hatten sich schon auf die Suche gemacht. Mama schüttelte nur traurig mit dem Kopf. Sie war schweigsam, hatte ihre ganze Gluckenhaftigkeit verloren. Ich bekam keinen Bissen herunter. Als keiner mehr auf mich achtete, trat Mama noch einmal auf mich zu:

„Nimm es ihnen nicht übel. Sie meinen es nicht so."

Dann drehte sie sich weg, verschwand aus meinem Blickfeld.

Siegrid, Ernst, Maria und Heinz hatten den Saal betreten. Auch sie wurden gemieden, als hätten sie eine ansteckende Krankheit. Maria und Ernst kamen sofort an meinen Tisch, Siegrid kam langsam hinterher.

„Dürfen wir uns zu dir setzen?"

Ich deutete wortlos auf die freien Plätze am Tisch. Plötzlich hatten wir uns wieder in eine Fremdlingsgruppe verwandelt, die mit den ANDEREN zurecht kommen musste. Aber nur Ernst frühstückte. Der Rest starrte vor sich hin.

„Können wir sie suchen?"

Maria rührte in ihrer Teetasse.

„Das ist nicht die Frage", unterbrach sich Ernst beim Kauen. „Frag lieber, ob wir sie finden können."

Maria schüttelte den Kopf.

„Kannst du nicht einmal sachlich sein?"

„Ich bin sachlich", verteidigte sich Ernst. „Aber muss ich unbedingt betonen, dass ich ins erstbeste Wolfskostüm schlüpfen würde, wenn ihr den bösen Wolf braucht im Märchenwald? Hilft uns das? Wir hatten es ihr versprochen – und vergessen."

 

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