Die Fleisch fressenden Bienen (24)

Veröffentlicht auf von anna

 

Während der wenigen Minuten bis zum Dienstantritt versuchte ich mich zu sammeln. Was sollte ich Lissy, was sollte ich überhaupt sagen. Wie konnte ich vielleicht noch erreichen, dass ich an einer Stelle etwas sagen konnte, an der die Monsterbienen sich nicht einmischen konnten.

Esther und Paul standen an Gregs Rechner und debattierten so erregt, dass sie erst beim zweiten Gruß reagierten.

Schaut euch das mal an!

Ja, das waren die Kurven von gestern. Oder richtiger: Das waren sie nicht. Sollte ich mich so täuschen? Einmal angenommen, ich irrte mich nicht – und Esther und Paul reagierten ja auch so verwirrt – dann waren das die Kurven von gestern, aber mit extrem abgeschwächten Amplituden. Also im Prinzip die Kurven, aber so verändert, dass man zwar zu unserem Ergebnis hätte kommen können, aber wahrscheinlicher darüber gelacht hätte. Eine wissenschaftliche These muss verifizierbar sein. Kämen wir mit diesem Material und unser abenteuerlichen Behauptung von denkenden und unser Denken beeinflussenden Bienen im Treibhaus zu Yong-Brown, hatten wir im günstigsten Fall Bemerkungen zu erwarten, die sich auf unsere Erholungsbedürftigkeit bezögen. Wahrscheinlicher welche über unsere ausufernde Fantasie ...

Ich staunte selbst über meine ruhige Stimme: „Da waren wir wohl gestern zu voreilig. Am besten, wir vergessen unsere Spinnereien. Wir sind wohl doch sehr abgespannt. Wir sollten bei Yong-Brown nachfragen, wann wir Ersatz am Computer bekommen. Vielleicht ist generell eine Verstärkung für unser Team drin. Sieben schaffen mehr.“

Ich hatte Glück. Paul sah mich erst fragend an, dann nickte er verstehend und zog Esther hinter sich her. Ich aber umarmte Lissy und flüsterte ihr ins Ohr: „Und dann brauchen wir ja auch noch vorübergehend Ersatz für dich ...“

Glücklicherweise ließ sich auch Esther beruhigen. Für einen Beobachter, der von den Ereignissen am Vortag nichts wusste, verlief der Tag bis Mittag normal. Dann schlenderten wir gemeinsam ins Kasino. Das war unüblich. Den Luxus, wirklich im Institut eine warme Mittagsmahlzeit einzunehmen, leisteten wir uns nur an wenigen Tagen im Jahr. Was allerdings noch nie vorgekommen war: Diesmal saßen wir alle vier beim Essen zusammen.

Paul eröffnete sofort jenen konspirativen Teil der Unterhaltung.

„Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich dir erzähle, wo wir letzte Nacht waren? Es reicht, wenn du weißt, dass ich weiß, dass du bei uns Alarm schlagen wolltest.“

Ich muss ähnlich verwirrt ausgesehen haben wie Lissy, die sich in das Gespräch einmischen wollte.

„Ich sehe, ihr seid einverstanden. Es gibt Wichtigeres und es gibt Dinge, über die wir besser nicht sprechen.“ Paul sagte das in einem regelrecht beschwörenden Tonfall, dass wir tatsächlich abwartend schwiegen. Ich gebe zu, ich hatte das beruhigende Gefühl, mir wurde gerade eine Verantwortung abgenommen, der ich mich beim besten Willen nicht gewachsen fühlte.

„Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Aufzeichnungen, die wir heute früh auf dem Rechner hatten, nicht die waren, mit dem wir ihn gestern gefüttert hatten. Sind wir uns so weit einig.“

Wir drei Zuhörer nickten.

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