Die Fleisch fressenden Bienen (26)

Veröffentlicht auf von anna

 

Lissy hatte planmäßig noch 12 Wochen bis zur Entbindung. In ihrem Zustand konnte ich sie keiner Gefahr aussetzen. Allein schon das Ausdiskutieren der Bedrohung konnte sie zu sehr aufregen. Vielleicht irrte ich mich, vielleicht gab es in meinen Überlegungen eine unerkannte Schwachstelle und alles war ganz einfach. Aber die Gedanken, über die ich mich so gern mit einem Vertrauten ausgetauscht hätte, führten immer wieder zu einer Auswahl von Schreckensbildern.

Variante 1. Paul hatte uns gerade zur beschleunigten Massenproduktion von Mörderbienen eingespannt. Wir Amerikaner führten einen biologischen Krieg gegen die Menschen aller missliebigen Staaten. Selbst wenn der Iran von der Verseuchung mit Arabern befreit war (wie Paul dies vielleicht ausgedrückt hätte), blieben noch genügend andere übrig. Eine Ahnung hatte mich davon abgehalten, mein zufälliges Wissen preiszugeben. Paul schien mich auch nicht einweihen zu wollen.

Variante 2: Je mehr Bienenvölker wir zuließen und nachher versuchen würden, sie zu vernichten, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief ging, und wir ein Chaos freisetzten.

An Variante 3 mochte ich gar nicht denken: Zwingend auszuschließen war natürlich nicht, dass wir bereits jetzt von den Viechern gesteuert wurden und uns gerade dafür entschieden hatten, unser eigenes Ende zu organisieren.

„Du, Hinky ...“

Lissy hatte mich das erste Mal Hinky genannt, als sie mir eröffnet hatte, dass sie mit mir schlafen wollte, und auch sonst gebrauchte sie diesen Kosenamen immer dann, wenn sie etwas Besonderes von mir wollte.

„Ja, was denn, Schatz?“

„Ich wollte Paul und dich ja nicht unterbrechen, aber zum Schluss war ich dann doch enttäuscht von dir. Wenn nun irgendetwas daneben geht, ... Wir züchten unser eigenes Verderben. Also wenn ich Biene wäre, ich würde Rache üben, wenn mein Schwestervolk vergast worden wäre oder was auch immer. Wir nehmen doch selbst an, dass die uns beobachten ...“

„Ach reg dich nicht auf, Schatz! Wir packen das schon.“

Warum sagte ich so etwas? Gerade erhielt ich das Angebot, meine Sorgen mit einem geliebten Menschen zu teilen. Nur war das genau jener geliebte Mensch, von dem ich meine Sorgen fern halten wollte.

Lange lag ich wach im Bett neben Lissy. Das Seltsame: Ich hatte den Verdacht, auch sie lag wach neben mir und wartete auf meine Worte.

Am Morgen sagte ich, völlig erstaunt über meine eigenen Sätze: „Sag mal, weißt du eigentlich noch, wo meine Klarinette ist? Ich möchte die morgen mitnehmen und unseren Bienen was vorspielen. Ich glaube, das werden sie sehr mögen.“

Lissy kommentierte mich nicht. Sie fand die Klarinette, und wir nahmen sie zum Treibhaus mit.

 

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