Die Fleisch fressenden Bienen (27)
Jahrelang hatte ich nicht mehr Klarinette gespielt. Lissy jedenfalls hatte mich noch nie mit dem Instrument erlebt, aber ich hatte ihr einmal davon erzählt. Nun setzte ich an und begann eine mir zuvor völlig unbekannte Melodie zu spielen. Ich wusste nicht, was ich eigentlich spielte, aber ich merkte, dass die Töne absolut harmonisch klangen, als hätte ich Monate lang für diese Vorstellung geübt. Nach drei Minuten überlegte ich, wann das Stück wohl vorbei wäre. Esther und Paul staunten Lissy und mich verwirrt an. Sie wagten aber nicht, mich zu unterbrechen, und ich konnte nichts sagen, ohne das Spiel zu unterbrechen ... und eben dies gelang mir nicht.
Der Schlussakkord kam so abrupt wie unerwartet. Plötzlich wusste ich, dass das Stück noch sechs Takte haben würde, und schon waren sie geblasen. Verwirrt nahm ich das Instrument vom Mund.
Als wollte sie die Verwirrung nur vergrößern, klatschte Esther kurz und dann fragte sie: „Toll! Und was ist das für ein Stück?“
„Ich weiß nicht.“
Betretenes Schweigen. Wissen. Voll Furcht.
„Wolln wir die Aufzeichnung anhören?“
Und ob wir wollten!
Aber seltsamerweise gab es keine Aufzeichnung. Niemand hatte eine Taste gedrückt, ein akustisches Zeichen gegeben oder anderweitig dafür gesorgt, dass eine Geräuschaufzeichnung außerhalb des Treibhauses erfolgt wäre. Wir stürmten zum Sammelrechner. Es gab von Allem, was im Haus geschah, Filmaufzeichnungen. Die Klarinettentöne waren laut genug gewesen, um als Hintergrundgeräusch erkennbar zu sein.
Mit der Gier von Süchtigen erwarteten wir die Freigabe der Aufzeichnung durch den Rechner.
Ich hatte bereits vorher eine vage Ahnung. Die bestätigte sich. Für etwa fünf Minuten fehlte der Ton.
Esther blieb hartnäckig. „Das war so toll. Du hast davon also nirgends Noten?“
„Verdammt, ich weiß nicht, was ich da gespielt habe, und ich kann mich nicht daran erinnern. Du brauchst nicht danach zu fragen.“
„Aber ich habe ein gutes Gedächtnis für Töne, und bis ich Paul kennen lernte, waren gespielte Noten meine Leidenschaft. Chef, ... wenn ich mich gleich ranmache, krieg ichs noch hin.“
Sie rief das mit einer so mitreißenden Leidenschaft, dass ich meine Bedenken vergaß. Wir waren doch Wissenschaftler, Forscher, die davon lebten, wie die Bluthunde Fährten von Geheimnissen zu folgen. Und auch Paul widersprach nicht. Und es hätte ja sein können, dass die Bienen uns etwas hatten mitteilen wollen. Eigentlich nahe liegend. Na gut, aber dann hätten sie sicher dafür gesorgt, dass wir den Code gespeichert hätten ...
Ich schickte Esther jedenfalls in Gregs früheres Revier, Wir anderen prüften die restlichen Aufzeichnungen. Wenn nun irgendein Defekt in der Technik vorlag? Wir machten uns ja lächerlich, wenn wir Yong-Brown berichteten, die Bienen manipulierten die Aufzeichnungen und der nächste Test bewies eine einfache technische Fehlfunktion, die überall liegen konnte, nur nicht bei unseren Monstern.
Wir waren irgendwie lustlos. Außerdem hungrig. So siegte nach eine halben Stunde vergeblichen Bemühungen – von der Aufzeichnungstechnik hatten wir natürlich keine Ahnung, aber es hätte ja zum Beispiel sein können, dass immer an derselben Stelle der Dateiträger kein Ton auftrat; ohne unser Problem wäre uns das vorher nicht aufgefallen – das Interesse nach mittäglicher Arbeitsberatung im Kasino. Wir entschieden uns dafür, Esther nicht zu unterbrechen und ihr einen Zettel zu hinterlassen, sie solle nachkommen.