FN 3514 (28)
Schon bald waren wir in heftige Debatten verwickelt. Wir kamen zu keinem neuen Ergebnis. Eigentlich hatte keiner einen Zweifel, dass wir die Macht der Bienen kaum überschätzen konnten. Sie waren zu umfangreichen Manipulationen in der Lage, zu Machtdemonstrationen uns gegenüber – offen war nur, wie weit ihr Einfluss reichte und wodurch er möglich war. Die letzte Frage erschien uns eher wissenschaftlich theoretischer Natur, denn es war wahrscheinlich, dass wir die Wirkungsweise der Manipulationen nur unter Einwirkung derselben, also immer verfälscht untersuchen konnten – soweit es uns die Bienen überhaupt gestatteten. Die erste Frage war ganz praktischer Art. Im Moment konnten wir noch hoffen, dass wir bei unserer Beratung nicht von den Bienen beeinflusst wurden. Es musste aber auf jeden Fall eine Grenze geben, hinter der die Beieinflussung durch die Viecher aufhörte. Es war dabei noch nicht völlig sicher, ob unsere Bungalows und ob der Arbeitsbereich von Yong-Brown in der von den Bienen unerreichten Zone lagen. Wir entschieden uns schließlich für Haggy´s Fischerhaus. Das lag am äußersten anderen Ende des gesamten Institutskomplexes. Es war sehr abgeschieden und wurde auf Antrag von den Mitarbeitern genutzt, die bewusst eben diese Abgeschiedenheit suchten. Es hatte 20 Betten und war der ideale Ort für arbeitsplatzferne Dienstberatungen – die meist in intern erlaubte Besäufnisse ausarteten, weshalb eben die Anträge eingeführt worden waren. Wir würden uns sofort auf den Weg machen. Die Anträge waren nämlich nicht virtuell zu stellen, sondern man musste sich in ein richtiges Buch einschreiben. Das lag wie ein besonderer Schatz im Haupthaus.
„Und wenn Esther nachkommt?“ Paul schien inzwischen doch etwas besorgt.
„Ruf sie unterwegs an! Sie soll direkt dazukommen.“
Paul bekam keine Verbindung. Unterwegs versuchte er es immer wieder. Wir machten unsere Eintragung, freuten uns über unser Glück, dass gerade das nächste Wochenende noch frei war, und hatten uns inzwischen von Paul anstecken lassen. Fast im Laufschritt näherten wir uns unserem Arbeitsbereich. Ohne Umwege liefen wir zum Rechnerraum.
Als wir die Tür öffneten, sahen wir Esther von hinten. Sie war am Hauptschirm neben dem Screeningfeld zusammengesunken. Sie rührte sich nicht.
„Wir waren noch im Haupthaus“, rief Paul mit künstlich optimistischer Stimme.
Esther reagierte nicht. Als ich sie an der Schulter berührte, kippte sie zur Seite. Ein Griff zur Halsschlagader. Ich sah Paul an, schüttelte den Kopf. Der herbeigerufene Notarzt diagnostizierte Herzversagen. Bevor er eingetroffen war, hatten wir einen knappen Check versucht, was sie zuletzt gemacht hatte. Wenn wir dem Rechner und dem Notenblatt, die zusammen mit einem Stift neben ihr lagen, glaubten, so war das gar nichts. Dass es überhaupt dieses Blatt gab, deutete darauf hin, dass sie per Hand hatte schreiben wollen und nicht mehr dazu gekommen war. Weniger wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen war, dass jemand einen ersten Zettel an sich genommen hatte. Von uns dreien war es keiner. Allerdings beschäftigte mich in den kommenden Stunden, dass wir uns ja für etwa drei Minuten an den Toiletten getrennt hatten. Nein, Quatsch, so schnell konnte niemand sein ...