FN 3514 (29)

Veröffentlicht auf von anna

 

 

Ein paar Befragungen verliefen ergebnislos. Sie waren aber auch wenig zielgerichtet. Was sollte man Leute fragen, die nicht zugegen gewesen waren, als das Opfer seinem angeblich natürlichen Herzversagen zum Opfer gefallen war? Dass Paul heim geschickt wurde, war klar; dass wir zwei ihn begleiteten, fast genauso.

Irgendwo habe ich einmal den Ausdruck Stille . Für die Momente bei Paul traf er bestimmt zu. Esther an Pauls Stelle hätte wahrscheinlich etwas zum Hantieren gefunden und in den bedrückenden Minuten auf uns eingeredet, als gäbe es keine wichtigeren Dinge auf der ganzen Welt, als eine gute Gastgeberin zu sein. Paul war zwar auch zum Glasschrank gegangen, hatte wortlos die Tür geöffnet, die eine, fast volle bauchige Flasche Whisky gegriffen, sich eingegossen, aber uns, richtiger Lissy, dabei nur in Gedanken versunken betrachtet wie durchsichtige Marsmännchen, „Sorry!“ gesagt, in Verkennung des edlen Tropfens den gesamten Inhalt des Glases ans Ende seines Rachens geschüttet und dann, als antwortete er damit auf ein Angebot, das niemand ausgesprochen hatte: „Nein, lasst nur! Ich möchte allein sein.“

Lissy zog mich heim in unseren Bungalow. Wir machten kein Licht. Unbegreiflicherweise verhielten wir uns, wie sich angeblich früher Leute bei Fliegeralarm verhalten haben sollten. So als könnte die Verdunklung eine blind über uns schwebende Gefahr an uns vorbeifliegen lassen.

Als Lissy schon schlief, schlich ich noch einmal zum Telefon. Seltsamerweise erreichte ich Yong-Brown unter seiner Büronummer. 22.45 Uhr.

„Bevor Sie fragen, Hinky, Sie bekommen sechs neue Leute. Gleich morgen werden sie sich bei Ihnen vorstellen. Wenn Ihnen da manches seltsam vorkommen wird, ... Sie können Ihnen vertrauen.“

Nun nannte mich schon der Professor Hinky. Mir fiel das erst auf, als ich vergeblich versuchte einzuschlafen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, woher er den Spitznamen überhaupt kannte – vielleicht wollte er nur ausdrücken, dass er über alles, was seine Mitarbeiter betraf, Bescheid wusste. Vielleicht war es ihm einfach rausgerutscht. Immerhin zusammen mit einer distanzierten Anrede. Wenn doch nicht das letzte Wort gewesen wäre. Vertrauen. Wem sollte ich unter den aktuellen Vorzeichen eigentlich noch vertrauen?

Eine Entscheidung traf ich in Stunden sich im Kreis drehender Grübeleien doch: Wir würden radikal an zwei Strecken nebeneinander experimentieren. Die eine wäre die Computerreihe, die neue Arten von Bienen durch Genom-Manipulationen anstrebte, die andere zielte darauf, aus unserem Treibhaus Bienen einzufangen, um sie in anderen auszusetzen und in den Rang von Königinnen zu erheben. Dafür war eigentlich nur eine Art Mastverpflegung nötig.

Bevor ich dann endlich doch einschlief, wunderte ich mich über mich selbst. Ich hatte diese Monster ernsthaft wieder Bienen genannt ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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